Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1866)
- Date
- 1866-06-19
- Page
- Seite 389 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3226527-3226553--24040-3251376- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
aber konnte es nur bei denen ihm"gelingen, welche der grausamen Behandlung oder der Verlockung durch reiche Belohnungen nicht genug widerstehen konnten, und eben nur so lange, als diese Gewaltthaten dauerten. Jedes Mal erhob sich das Volk zum Kampfe, focht diesen gegen die Syrer siegreich, gegen die Römer unglücklich aus. Daß während dieses Kampfes der Fanatismus nicht ausblieb und die mosaischen Verbote viel strenger genommen wurden, lag in der Natur der Sache, und haben wir bei einer anderen Gelegenheit ausgeführt, l Fortsetzung folgt.) Die Krise. Bis jetzt haben wir den verabscheuungswürdigen Charakter des Krieges von der religiösen und humanen Seite betrachtet, und daraus dessen zukünftige Unmöglichkeit gefolgert. Aber auch die realste Wirklichkeit bietet Momente für Beides. Es ist eben, wie wir schon öfter ausgesprochen, die göttliche Vorsehung stützt sich bei der Entwickelung des Menschengeschlechts nicht blos auf das Ideale, Religiöse, Humane, sondern auch auf das reale Jntereffe, den Eigennutz, die Selbstsucht, die materiellen Bedürfniffe, und macht diese zu Dienern jener. Geht auch die Theorie der Praxis oft lange voraus, diese kommt doch nach, und findet ihre Befriedigung zuletzt doch nur in der Erfüllung jener. Die Theorie, wenn sie nicht bloßes Werk der combinirenden Phantasie ist, ist ja doch nichts Wetter, als die Idee der Praxis, nach der diese sich entwickelt und bildet und auf die sie hinausläust. Lange schon hatman gesagt, und wir haben es ausführlich in unserem Religionswerke, Bd. III, entwickelt, daß die außerordentliche Entfaltung und Vermehrung des internationalen Verkehrs, die immer wachsende enge Verbindung der Völker in Industrie nach allen ihren Zweigen, die Solidarität der Interessen, die daraus für alle Nationen aller Erdtheile entsteht, den Krieg in der Zukunft unmöglich machen und die Völker zwingen wird, Jeden, der einen solchen Hervorrufen will, gemeinsam zur Ruhe zu bringen und zu einer friedlichen Ausgleichung zu nöthigen. Die Ereignisse der letzten Zeit beweisen die Richtigkeit dieser Ansicht. Denn nur der Kurzsichtige wird einwenden: wir sehen ja, daß dies Alles. Nichts hilft und dennoch Krieg entsteht. Die Nationen müssen erst bittere Erfahrungen, wiederholt die furchtbarsten Erfahrungen machen, bevor ein Princip durchdringt und die concrete Gestaltung annimmt. Die Völker müssen es erst gekostet haben, welch Unheil ein Krieg über alle Länder, auch in den Staaten, die gar nicht an jenem betheiligt sind, ausgießt, sie müssen den ungeheueren Verlust an Vermögen, die Stockung der Industrie, den gänzlichen Verfall des Handels, die Arbeitslosigkeit und das hieraus folgende Elend und die daran sich knüpfenden Erschütterungen durchgemacht haben, bevor sich daraus eine unabweisliche Nothwendigkeit entwickelt, jeden Krieg mit vereinten Kräften abzuwehren. Dahin aber wird es und muß es kommen. Wahrscheinlich würde es jetzt schon dahin gekommen sein, wenn die Stimme der Völker im Rathe der Fürsten Etwas gälte, wenn die Völker über ihre eigenen Geschicke schon Herren wären. Hätten z. B. die Engländer und Franzosen, statt ihrer diplomatischen Führer, zu entscheiden gehabt, ob ein europäischer Congreß zur Herstellung des Friedens' stattfinden solle oder nicht, so würde es schwerlich von einer der strettenden Mächte abhängig gewesen sein, ihn und seine Resultate zu verhindern. Jene Völker hätten gesagt, wer sich einem billigen Ausgleich, der ja in Aller Interesse liegt, widersetzt, hat es auch mit uns zu thun, und diesem gemeinsamen Vorgehen würde sich keiner gegenübergestellt haben. Es ist zu bedauern, daß die Fürsten nicht ebenso einsichtig, uneigennnützig und charakterfest sind, wie die Völker. Aber dies kann nicht für immer ein Hinderniß sein. — Diese unermeßliche Entwickelung der Industrie und der Jneinandergliederung aller Nationen in den Besitzverhältnissen ist erst ein Erzeugniß des letzten halben Jahrhunderts; die Veränderungen der Verhältnisse und alle deren Eigenthümlichkeiten sind daher noch neu, in der Menschheit noch nicht dagewesen, und wir .können deshalb die Resultate nicht eher erwarten, als bis über die Consequenzen wiederholte Erfahrungen gemacht worden sind. Aber schon der nordamerikanische Bürgerkrieg gab Europa eine Lehre hierüber. Der dadurch bewirkte Ausfall in der Production eines einzigen Rohstoffes, der Baumwolle, hatte einen schwer zu überwindenden Einfluß auf Europa, auf die ganze Menschenwelt. Hunderttausende von Arbeitern z. B. in England wurden dadurch zeitweise brodlos, die Preissteigerung und nunmehr die plötzliche Abnahme des Preises hat unermeßlichen Verlust herbeigesührt, der die gegenwärtige Krise in England vorzugsweise bewirkt hat. Aber einen ungleich stärkeren, unbeschreiblichen Einfluß übten die Zerwürfnisse, die Kriegsbefürchtungen, und die