Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1866)
- Date
- 1866-06-12
- Page
- Seite 384 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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384 ein Oerstücher, den weder die KromMen noch die Gebildeten gebrauchen können und der anstatt Achtung sich zu verschaffen und dadurch Einfluß zu gewinnen, alltäglich das Gegentheil vor Augen hat und mit beiden Parteien collidiren muß? — Der Beruf eines Rabbiners in Deutschland und der eines solchen bei uns ist nicht derselbe, wie wir bereits erörtert. Hier beharret der Lei weitem größte Theil der Gemeinde in naiver Gläubigkeit und in mittelalterlicher Lebensanschauüng. Alle ceremonielle Gebräuche und Satzungen haben für sie noch die Vollgültigkeit, wie sie vor einem Säculum in Deutschland für dessen jüdische Bevölkerung gehabt, Männer zur Uebernahme dieser mittelalterlichen Functionen haben sie die Fülle. — Welchen. Gebrauch könnten sie von einem gebildeten Jünglinge als Rabbiner machen? — Unserer unmaßgeblichen Ansichtnach ist die ganze soidisant Rabbinerfrage verfrüht, und man müßte sie ganz fallen lassen. Für jetzt kann es beim statu quo bleiben; die jungen Leute, die eine dreiclafsige Schule durchgemacht und jetzt angestellt sind, können eben so wohl die Functionen in den Gemeinden übernehmen, wobei dieselben zur Regierung in näherer Beziehung stehen als die Zöglinge der Rabbiner sch ulen. Alle Auftnerksamkeit müßte auf die Heranbildung einer neuen Generation gerichtet sein. Zu diesem Behufe müßte man auf die Gründung neuer Schulen und auf die Reorganisation der alten bedacht sein. Erst wenn mach einigen Decennien die Bildung überhand genommen unddas Bedürfniß nach einem gebildeten Prediger im jungen gebildeten Geschlecht recht fühlbar geworden, erst dann müßte an die Anstellung solcher Rabbinen gegangen werden, die vermöge ihrer classischen Bildung und gründlichen Kenntniß der modernen Wissenschaft des Judenthums sich beim gebildeten Theile der Nation Achtung zu verschaffen im Stande wären. — Zu diesem Endzwecke aber müßte in einer der Städte, in deren Mitte sich eine Universität befindet, ein Nabbinerseminar gegründet werden, in das nur Zöglinge der jetzigen Rabbinerschulen, die in Lehrerseminarien verwandelt werden müßten, eintreten dürften. — Solche Rabbinen, die mit dem specisisch jüdischen Wissen Universitätsbildung vereinigen, würden dann ein -o-j sein, würden sich nach innen und nach außen Achtung verschaffen und als würdige Vertreter des Judenthums auftreten können. — Wir hoffen, daß ein jeglicher, der mit hiesigen Zu- und Uebelständen vertraut ist, uns beipflichten werde; daß die jetzigen sogenannten R ab bin er schulen durch ihre Verwandlung in Lehrerseminarien nur segensreicher auf dem Gebiete der Pädagogik wirken und die Heranbildung tüchtiger Lehrer fördern würde, versteht sich ja von selbst. Schließlich wollen wir auf einen Uebelstand aufmerksam machen, der in das Gebiet der Rabbinerfrage einschlägt. Bekanntlich finden sich in den Gegenden, die zur Fahne des Zaddikismus geschworen, in jeder Stadt verschiedene Parteien, welche Anhänger verschiedener Zaddikim, nur die Interessen ihres Rabbi befördern. Jede Partei eines Rebben nimmt der eines andern gegenüber eine feindliche Stellung ein. Jede besitzt eine eigene, gewöhnlich gemauerte Klause (Bethaus) mit besonderen Cultusbeamten, die einen eigenen Etat erfordern. — In der kleinen Stadt des Referenten dieses bestehen solcher Klausen 10. — Wie viel eine solche Zerklüftung dem Interesse der Gesammtheit einer kleineren Gemeinde Abbruch thut, leuchtet einem Jeden ein. — Die schlimmsten Folgen einer solchen Wirthschaft stellen sich aber erst bei einer vorzunehmenden Wahl eines wirklichen Rabbiners heraus. Jede Partei wendet Alles an, die Wahl ihres Candidaten, d. h. des Anhängers ihres Rabbi durchzusetzen. — Die leidenschaftlichsten Kampfe, ja sogar Raufereien sind dann an der Tagesordnung, welche so lange dauern, bis man sich verständigt, daßjede chassidäische Partei ihren Dajan behält. Da aber die Unterhaltung mehrerer Dajans einen für die Gemeinde unerschwinglichen Kostenaufwand erheischt, so trifft man gewöhnlich die Uebereinkunft auf einen der wichtigsten Consumtionsartikel ein Monopol zu schaffen, und solches dem Meistbietenden zu übergeben. — Dieser setzt dann auf dieses unentbehrliche Lebensproduct einen hohen Preis und die arme Arbeiterklasse muß zahlen. „Muß sie denn?" höre ich den Leser fragen. Sie muß, sagen wir. Den Rädelsführern der Gemeinde stehen zwar keine polizeilichen Zwangsmaßregeln zu Gebote, dafür haben sie aber die alte Schlange in Händen (lärii) und in solchen Fällen wird sie mit allem Erfolg angewendet — um den Widerstrebenden zum Gehorsam d. h. zum Zahlen zu zwingen. Niemand wagt mehr die Einfuhr und den Verkauf solcher Monopolsartikel vorzunehmen. —! 18L-' ^7272 ^->2*lN72