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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1866-06-12 · Heft 24 (12.6.1866) · p. Seite 383

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
30 (1866)
Issue
Heft 24 (12.6.1866)
Date
1866-06-12
Page
Seite 383 (sequence 13)
Language
German
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Gegen solche Ansprüche erhoben sich aber die beiden andern Parteien gleich energisch. Sowohl, die Fortschrittspartei als die der Stabilen und Obscuranten erhoben -Einsprüche gegen solche Forderungen. — Die Stabilen behaupten, daß da sie ihre eigentlichen wirklich geistlichen Rabbinen in Fülle haben, mit deren rabbinischem Wissen und hohen Tugenden die Zöglinge der Rabbinerschulen sich keineswegs messen können, so können sie diesen gar keine geistliche Autorität einräumen. Da aber hier von Rabbinern in ihrem Sinne gar nicht die Rede sein könne, so erreicht die Negierung recht wohl ihren Zweck mit jungen Leuten, die nur der Landessprache kundig sind. — Sie erachten also die Rabbinerschulen als überflüssige Institution, da sie keinen Rabübertragen. Von vielen Seiten fordert man, daß alle hebräischen Gegenstände in der russischen Sprache vorgetragen werden sollen. Wir bekennen uns von ganzem Herzen dem Principe nach zu dieser Ansicht; haben aber im „Hamelitz" nachgewiesen, daß so lange die Freizügigkeit sowohl de jure als de facto nicht stattsindet, diese Theorie in das Gebiet der Illusionen gehört.* *) Wir müssen freimüthig bekennen, daß die unzeitgemäßen und mißlungenen deutschen Uebertragungen der Lehrbücher in den jüdischen Schulen sehr stark deren Emporkommen hemmend.entgegenstehen. — Zum Unglück der Lehrer und Schüler sind alle sogenannten Uebersetzungen nur Paraphrasen und in deutschen Lettern abgedruckt, man denke sich, ■ wenn ein Lehrer einem chassidischen Jüngelchen diese Paraphrasen beibringen muß, die dieses selbst nicht lesen kann, weil sie in deutschen Lettern gedruckt sind'. Es ist wahrlich eine Sisyphusarbeit! und man wundert sich noch, daß die Elementarschulen nur vegetiren. — Corresp. *) In Rußland ist der Grundsatz: der Jude muß sich zuerst russisiciren resp. die russische Sprache zu seiner Umgangssprache machen, bevor man seine Gleichstellung ausspricht, zum Axiom geworden. Man weist als Argument auf England, Frankreich, Italien, Deutschland hin. — Nirgends waren sie aber in einem Länderbezirk in so compacten Massen zusammengehäuft, wie hier, in einem Landesbezirk, dessen intelligenter Theil der Bevölkerung dem Russenthum feindlich gegenüberstand. — Der Jude kannte den wahren, echten Russen nur dem Namen nach, nur von Hörensagen — wie soll er die russische Umgangssprache lernen? Man ist hier überhaupt gewohnt, mit der stärksten Betonung auf die Pflichten des Juden hinzuweisen, und übergeht dessen Rechte mit geflissentlichem Stillschweigen. — Nur wenn der Jude in kleinen Bruchtheilen unter den Russen vertheilt sein, d. h. wenn seine Freizügigkeit ausgesprochen und ausgeführt sein wird, ist dessen Russificirung in einem Decennium vollbracht; sonst wird nichts fruchten. Anmerkung des Setzers. binen, d. h. in ihrem Ginne — liefern noch liefern können. —- Wenn die Stabilen gegen die rabbinische und moralische Qualifikation der jungen Rabbinen Protest erheben, so thut es nicht minder die Fortschrittspartei, nur von einem andern Gesichtspunkte. — Diese fordert vom modernen Seelsorger classische Bildung, die moderne Wissenschaft des Judenthums, als da ist: Rhetorik, Kritik, Homiletik, Geschichte^ Philosophie u. s. w. nach dem Muster der deutschen Rabbiner, die sämmtlich Doctoren der Philosophie sind. Daher spricht diese Partei den aus den Rabbinerschulen hervorgegangenen Rabbinern alle rabbinische Autorität ab, da sie keine Universitätsbildung besitzen; sie weiset daher alle ihre Forderungen als maßlose Anmaßungen zurück und bezeichnet diese als hierarchische Gelüste. Bon einer Hierarchie ist das Judenthum bis jetzt ganz verschont geblieben; die Rabbinen gingen immer aus der freien Wahl der Gemeinden hervor, aber nie wurden sie ihnen von der Regierung aufgedrungen. Welche verderbliche Folgen ein officielles Rabbinerthum für das Judenthum hat, sagen sie, sehen wir in Frankreich, dessen Rabbinen dasselbe in Verfall gerathen lassen. — Dagegen weisen sie mit Stolz auf die deutschen Rabbinen hin, die sich sämmtlich unsterbliche Verdienste um das Judenthum erworben, die ain Ausbau desselben so rüstig arbeiten, die dessen vielverzweigte Literatur und Wissenschaft fördern und pflegen., Zur Argumentation ihrer Behauptung weisen sie auch auf Warschau, Odessa, Riga, Petersburg hin, die sich immer Doctoren der Phi? losophie zu ihren Rabbinern wählten. In ersterer Stadt bestand eine Rabbinerschule mehr als 30 Jahre und kein einziger Rabbiner ging aus ihr hervor. Wir geben es dem geneigten Leser anheim, auf wessen Seite er sich stellen will (der geehrte Herr Redacteur hat sich im vorigen Jahre in dieser Zeitung Seite 129. gegen das gewaltsame Auftreten auf religiösem Gebiete unumwunden ausgesprochen), wollen ihm aber zum Schluffe einiges zur Erwägung geben, das vielleicht zum Austrage dieser Polemik verhelfen könnte. — Die hiesigen Verhältnisse sind, wie in allen andern Beziehungen so auch in dieser, von eigener Art. — Man pflegt'sonst zuerst um die Anschaffung einer Heerde und dann um die Anstellung eines Hirten besorgt zu sein, — hier dagegen findet der entgegengesetzte Fall statt. Hier sucht" man einen -gebildeten geistlichen Hirten anzustellen, bevor man eine gebildete Gemeinde hat. Wozu einer Gemeinde ein Prediger, dessen Predigt sie nicht verstehen kann? wozu

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