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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1866-06-12 · Heft 24 (12.6.1866) · p. Seite 382

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
30 (1866)
Issue
Heft 24 (12.6.1866)
Date
1866-06-12
Page
Seite 382 (sequence 12)
Language
German
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3S2 GorrefpynHenz. Russische Briefe IV. Die Rabbinerfrage in Rußland. (Schluß) Der hartnäckigen Opposition, die die Gemeinden den jungen Rabbinern entgegensetzten, wodurch diese oft die Zielscheibe gemeiner Gehässigkeiten des Obscurantismus wurden, gegenüber sah sich die Regierung endlich gezwungen den Gemeinden Conzessionen zu machen. Sie bewilligte ihnen daher sich aus den jungen Leuten, die nur eine dreiclassige jüdische oder christliche Schule durchgemacht haben, zu ihren Rabbinern zu wählen. Der Erfolg zeigte, daß die Regierung den Sachverhalt recht gut kannte, denn diese jungen Leute wurden den Zöglingen der Rabbinerschulen vorgezogen und wurden von den Gemeinden gewählt. — Es versteht sich, daß diese sogenannten Rabbinen (manche von ihnen waren 17, 18 Jahre alt) sich gefügiger zeigten und bald entstand zwischen ihnen und ihren Pflegempfohlenen ein harmonisches Einverständniß. Solche Seelsorger hatten sich die Obscuranten auch gewünscht. — Was hat Man aber dadurch gewonnen? Nur das, daß die Negierung es anstatt mit den der Landessprache unkundigen frühern kazennen Rabbinen nun mit jungen Leuten zu thun hat, die das Russische etwas bester verstehen. — In allen übrigen Punkten blieb es beim Alten.*) — Und dieser Luxusartikel kostet noch die Gemeinden jährlich 5 bis 600 S.-Rubel. Bei dem langsamen Wege, den die Entfaltung der Aufklärung unter den russischen Juden einschlägt, bildet der jetzige Sachverhalt in der hochwichtigen Nab bin erfrage eine neue Phase und die neueste Zeit hat in der russischen Tagespreste eine ganze Fluth von polemisirenden Artikeln darüber an das Ta- *) Wir wollen nur ein Beispiel anführen. In den Städten, in deren Mitte eine regelmäßige Kronschule besteht, macht das leidige Chederwesen dieser die größte Opposition. Es liegt im Interesse der Melamdim, das Ansehen der Schulen zu untergraben. — Das Chederwesen steht aber unter der Aufsicht der Rabbiner. Es versteht sich, daß diese auf der Seite der Finsterlinge stehen zum größten Schaden der Schulen. Was Wunder? ihre Mandatgeber haben ja ihnen dies Verfahren zur eouäitiy sine <jua non gemacht. — , Corresp. geslicht gefördert. Von der einen Seite stehen die Zöglinge der Rabbinerschulen> von der andern Seite die der Obscuranten und Fortschrittsmänner. Die ersten stellen an die Regierung die Forderung, sie von der Wahl der Gemeinden unabhängig zu erklären und sie, eigenmächtig mit guten Gehältern definitiv anzustellen, wo sie, von allem Zwange frei, alsdann einen freien Spielraum, zur Durchfübrung aller von der Regierung beabsichtigten Reformen haben und ihr als wichtige, energische Hebel bei einzusührenden Neuerungen dienen werden. — Sie finden diese Ansprüche um so gerechtfertigter, als die Regierung bei ihrem Eintritte in die Rabbinerschulen gewissermaßen die moralische Verpsiichtung übernommen, sie gegen den Obscurantismus in Schutz zu nehmen und' ihnen eine unabhängige, aber desto thätigere Lebensstellung zu garantiren.*) - Sie behaupten,. zusammen mit den in den allgemeinen Lehranstalten Ausgebildeten, den russisch gebildeten Theil der hiesigen Judenheit zu repräsentiren, und die einzigen Vertreter der Interessen des Judenthums in der russischen Presse zu bilden, während die sonstigen Gebildeten den germanisirten vorstellen.**) *) Bekanntlich theilen diese Ansicht die gebildetsten Rabbinen. Wir bitten den geneigten Leser, den vorigen Jahrgang dieser Zeitung, S. >29 nachzuschlagen, wo diese Forderung von einem auf der Höhe der Zeit stehenden Rabbiner ausgesprochen wurde. Corresp. **) Zu diesem letzteren zählen auch alle alten Lehrer, die, obwohl sie das Russische recht gut verstehen, doch nicht im Stande sind, diese Sprache zu handhaben und öffentlich in ihr aufzutreten. — Man sieht hier die ersten Keime zu den Spaltungen und Kämpfen gelegt, die in Ungarn unter den dasigen gebildeten Juden an der Tagesordnung sind. — Der Unterschied ist nur, daß dort das politische Moment, hier aber nur eigennützige Bestrebungen im Spiele sind. Man sage, was man wolle, Niemand wird es doch in Abrede stellen können, daß Rußland dem Germanismus einen großen Theil seiner Bildung verdankt. Alle seine besten Professoren sind noch jetzt Deutsche. Die Bewohner der Ostseeprovinzen, die zu dem germanischen Volksstamme der Sprache und Religion nach zählen, haben ihm von jeher die tüchtigsten Männer im Militär- und Civildienst gegeben. Die gebildeten Juden in Warschau, Wilna, Odessa u. s. w. haben alle ihre Aufklärung aus der deutschen Literatur geschöpft. Als das Ministerium der Volksaufklärung die Schulen gründete, gab es alle Lehrbücher mit deutschen Übertragungen heraus, weil bis jetzt in der russischen Literatur fast nichts über das Judenthum gedruckt ist; selbst die Gebote, die doch in allen Sprachen übersetzt sind, hat. man nicht erlaubt, ins Russische zn;Ä|Sfc

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