Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1866)
- Date
- 1866-06-12
- Page
- Seite 380 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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380 ttiß mehr, daß die Zeitungen nicht die öffentliche Meinung machen, sondern nur ausdrücken; es folgt daraus., daß die Publicisten dieser öffentlichen Meinung nicht etwa blos deshalb folgen, um ihre Zeitung durch den Widerstand gegen die öffentliche Meinung nicht zu compromittiren und untergehen zu sehen, sondern weil sie von diesem öffentlichen Geiste ergriffen, geleitet und beherrscht werden?) Frankreich. Paris, im Mai. Die Arch. isr. Heilen mit, daß man in Paris beabsichtige, die jetzt in Frankreich so beliebten populär-wissenschaftlichen Vorlesungen auch auf jüdischem Gebiete zu halten. Wir wollen hoffen, daß es nicht blos bei dem Projecte bleibt. Wenn übrigens die Arch. isr. bemerken, daß diese Vorlesungeü aus England und Amerika stammen, sind sie doch im Jrrthume. Dieselben sind in Deutschland schon seit einem halben Jahrhundert im Schwünge, und der Redacteur dieser Zeitung hielt bereits 1833 dergleichen vor dem allgemeinen Publicum. Auf jüdischem Gebiete glauben wir ebenfalls die Ehre der Initiative in Anspruch nehmen zu können, und zwar durch die auch ins Französische und Englische, übersetzten Vorlesungen „Ueber die Entwickelung der religiösen Idee im Judenthum, Christenthum und Islam," die im Jahre 1845 gehalten wurden und denen noch drei Curse folgten. Jetzt sind dergleichen Vorträge von jüdischer Seite allgemein verbreitet, wie z. B. im verflossenen Winter Rabb. Dr. Treuenfels in Stettin eine Reihe von Vorträgen hielt, welche, wie die dortigen Zeitungen berichteten, die allgemeinste Aufmerksamkeit auf sich zo- *) Obgleich wir die Auseinandersetzung unseres geschätzten Corresp. völlig richtig finden, so scheint uns doch ein großer Unterschied zwischen dem Ausdruck der öffentlichen Meinung und einer fortgesetzten Aufhetzerei zum Kriege, zwischen der Darlegiyig der politischen Nothwendigkeit des Krieges und einer fortgesetzten Aufstachelei zum Preußenhasse, bei welcher kein Mittel gescheut wird, zu bestehen. Auch hält wohl ein derartiges Gebühren eines Publicisten keinen Vergleich mit der factischen Unterstützung des Vaterlandes, wenn dieses fich einmal zum Kriege rüstet, mit der Erhaltung der bedürftigen Familien der Soldaten, mit der Beschaffung von Hilfsmitteln für die verwundeten Krieger, Handlungen, die zu den wohlthätigsten und patriotischsten gehören, aus. Die Redaction. gen. — Die Gemüther haben sich in Frankreich bezüglich der Wahl der Delegirten zur Wahl eines Großrabbinen und der Ersatzwahl zu den Consistorien sehr erhitzt, und geht dies so weit, daß, nachdem der Cultusminister die Wahlen bestätigt und die Proteste beseitigt hat, Reclamationen gegen die Entscheidung des Ministers an den Staatsrath von Paris, Lyon u. a. O. aus abgegangen sind. — Schweiz. Zürich, 3. Juni. (Pr.-Mitth.) Gestatten Sie mir, Ihnen heute über einen seltenen Act, die anläßlich.des Hinscheidens der Frau Clara Ris, Gattin des Seidenfabrikanten, Herrn David N i s, stattgehabre Einweihung unseres neuen Begräbnißplatzes zu berichten. Dieselbe fand Donnerstag den 31. Mai durch Hrn. Rabb. Di*. Kay serling in erhebender Weise statt. Viele Hunderte der christlichen Bewohner Zürichs aus allen Ständen folgten dem Leichenzuge nach dem neuen Va Stunde von der Stadt entfernten Gottesacker, woselbst sich eine große Menschenmenge vor Beginn der Feier bereits versammelt hatte. Nach dem Recit. von Psalm 91 in hebräischer und deutscher Sprache hielt der Rabbiner die Einweihungsrede, in welcher er zuerst die Bedeutung der Feier selbst, so wie die eines Begräbnißplatzes als n-n behandelte, der sich dann die Leichenrede mit dem üblichen a'»n -nLn-Gebete in hebräischer und deutscher Sprache anschloß. Die treffliche Rede, so wie der ganze Act, welcher gegen % Stunde dauerte, machte auf die zahlreichen Zuhörer einen erschütternden Eindruck. Die „N. Züricher Zeitung" von gestern berichtet über diese Feier Folgendes: Donnerstag, den 31. Mai, hat bei Anlaß der Beerdigung einer israelitischen Gattin und Mutter zugleich die Einweihung eines neu angelegten israelitischen Todtenackers stattgefunden, der sich oberhalb Wiedikon, am Abhange gegen Morgen gelegen, befindet. Die Feier war einfach, ohne allen Prunk. Am offenen Grabe stand, von den Leidtragenden und einem zahlreichen Publikum umringt, der Rabbiner. Seinem Gebete in hebräischer Sprache folgte eine ergreifende deutsche Anrede. In wahrhaft edler Ausdrucksweise wußte er der Befriedigung und Anerkennung Worte zu leihen, daß die Toleranz unseres Zeitgeistes in dem