Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1866)
- Date
- 1866-06-12
- Page
- Seite 379 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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MV 379 Waisen-Erziehungs-Anstalt für Westfalen und Rheinland" die 1856 eröffnet wurde, hat ihren achten Jahresbericht veröffentlicht. Der unermüdlichen Thätigkeit beif Gründerin, welche nicht allein der Anstalt vorsteht, sondern auch die Mittel der Existenz für dieselbe herbeizuschaffen sucht, ist esgelungen, gegenwärtig bereits 16 Waisenknaben, und 8 Waisenmädchen in ihr zu erhalten, die des besten Gedeihens sich erfreuen. Bereits acht Zöglinge gingen aus dem Waisenhause hervor und widmeten sich angemessenen Gewerben, zwei kehrten zur Mutter zurück. Die Familienstiftungen zum Andenken Verstorbener haben sich im verflossenen Jahre ansehnlich vermehrt, so wie auch nicht unbeträchtliche Geschenke. Hoffen wir, daß diese Rubriken sich von Jahr zu Jahr ansehnlich vermehren. Die Einnahmen beliefen sich auf 5013 Thlr., wovon 3380 Thlr. verausgabt wurden, her Rest wurde zum Fonds geschlagen, außer 497 Thlr. Cassenbestand. Der Fonds besteht jetzt in circa 2500 Thlr. Eine sichere Fondirung besitzt die Anstalt in 'ihren Leistungen und dem Wohlthätigkeitssinn der Glaubensgenossen. Birnbaum, 27. Mai. (Privatmitth.) Am 7. d. fand zu Posen die erste Versammlung jüdischer Lehrer Preußens wirklich statt!, debattirte und beschloß die Statuten eines Lehrer-Unterstützungs-Vereines, und wählte zu dessen Vorstande den Rabbiner Dr. Gottstein in Wongrowiec, den Religionslehrer S. Levy in Birnbaum und den Religionslehrer Katz in Filehne; doch wurde beschlossen, angesichts der gegenwärtigen Kriegswirren und der daraus erflossenen unglücklichen Lage des Geschäftslebens die Constituirung des Vereins bis nach deren Beseitigung ruhen zu lassen; sobald aber der Friede wieder gesichert sein wird, soll der Vorstand zur Verwirklichung des Vereins in thätigster Weise schreiten. Oesterreichischer Kaiserstaat. Wien, Ende Mai. (Privatmitth.) Daß die Strömungen in der politischen Welt nicht von allgemeinen Principien und ebenso wenig von den Geschicken der Einzelnen abhängen, vielmehr aus der Gesammtheit, man weiß nicht wie? hervorquillen, und die Gesammtheit beherrschen, ersieht man so recht deutlich aus einer Menge, von Thatsachen, die in der jüngsten Zeit auch in den jüdischen Cultusgemeinden des Kaiserstaates hervortreten. Die letzteren wissen sehr wohl, daß der Frieden ein integrirendes Moment, ein Wesen des Judenthums ist, und welche Verheerungen schon die Kriegsrüstungen auch in unserer Geschäftswelt angerichtet, will ich hier nicht schildern. Es ist ein Schlachtfeld vor den eigentlichen Schlachtfeldern, auf welchen als Leichen und Verwundete fallirte Firmen, stillstehende Fabriken, verarmte Kaufleute, entlassene Arbeiterhaufen und von tausendfachen Nöthen bedrängte Familienväter sich befinden. Demungeachtet hallt auch in unfern Gemeinden der kriegerische Ruf laut und immer lauter, und die Opferfreudigkeit, welche.-sich tatsächlich' kundthut, zeugt von der unbegrenzten Theilnahme am öffentlichen Geiste. . Die hiesige Cultusgemeinde hat den Aufruf an die Bewohner Wiens mit einer.Collecte beantwortet, welche ein großes Resultatbringen wird, da sich die Häuser Rothschild, Königswarter, Tedesco u. a. mit bedeutenden Zeichnungen an die Spitze gestellt. Außerdem hat Rothschild dem Vorstande 2000 Gulden zur Unterstützung der Familien, deren Ernährer in das Heer eingetreten, zugesandt, Andere folgten und es liegen bereits 10,000 Gulden zu diesem Zwecke bereit. Im Bezirke Landstraße hat sich ein Frauenverein gebildet, um die Spitäler mit Bandagen und Charpie zu versehen. Täglich tritt eine neue Aeußerung des Pattiotismus an das Licht. Wenn nun in allen Provinzen Preußens der entgegengesetzte Geist sich kund thut, wenn dort überall der Ruf nach Frieden gehört wird, wenn die . Bethätigung des Opfersinnes ganz und gar auf sich warten läßt — so fällt es doch wahrlich Niemandem ein, die Preußen für weniger patriotisch oder gar für friedliebender aus religiösen Gründen als die Oesterreicher und unter diesen die österreichischen Juden zu halten, sondern es ist eben nur die allgemeine Strömung, die gegenwärtig in Oesterreich für Krieg, in Preußen für Frieden im Flusse ist, und die vielleicht in nicht zu weiter Zeit gerade den umgekehrten Weg einschlägt. Die Motive für diese, entgegengesetzten Bewegungen habe ich hier nicht auszusuchen; sie gehören in ein politisches Blatt. Ich wollte nur das Fattum constatiren, und dadurch auch die jüdischen Publicisten rechtfertigen, welche mit in die Kriegstrompete stoßen, welche in der Vornr. d. Z. deshalb getadelt worden. Wenn irgend wer dem öffentlichen Geiste sich nicht entziehen kann, so ist es der Publicist. Es ist jetzt längst kein Geheim- 24