Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1866)
- Date
- 1866-06-05
- Page
- Seite 368 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Umgangssprache war das jüdische Kauderwelsch, das einen heiligen Nimbus erhielt. Als in der Neuzeit die modernen Staaten auch auf die Regelung der jüdischen Angelegenheiten bedacht zu sein ansingen, kamen sie auch mit den Rabbinern in vielfache Berührung. Sie übertrugen ihnen die Eidesabnahme, die Führung der Geburts- und Sterbeliften, die Aufsicht über das Chederwesen, die Uebertragung der jü- - dischen schriftlichen Documente in die Landessprache u. s. w. ' Da stellte es sich denn bald heraus,-daß die alten Rabbiner die höchste Unfähigkeit zu diesen Functionen an den Tag legten. Bei allen ihren hohen Tugenden, bei aller Reinheit ihres Lebenswandels waren sie nicht im Stande die bön®" n?:^n außerhalb ihrer eigenen Kreise : zu verwerthen und an den Mann zu bringen; es hieß von ihnen h‘-atap nVt onb ns; es kam so weit, daß man in den außerjüdischen Kreisen bei den jüdischen Rabbinern das Epitheton •’n nicht anwenden konnte*) Die hiesige Regierung sah sich also genöthigt neben diesen Rabbinern noch andere Personen einzusetzen, die im Stande wären diese Function zu übernehmen. Sie überließ zwar die Wahl derselben den Gemeinden, bekleidete aber ihr Amt mit einem officiellen Character. Sie erhielten ein Amtssiegel, mußten auch vor ihrem Amtsantritte den Eid ablegen, welches bei den wirklichen geistlichen Rabbinern nicht der Fall war. Diese neugebackenen sogenannten Rabbiner wurden kazenne ofsicielle genannt. Bei dem allgemeinen niedrigen Bildungsgrade der Gemeinden kann man sich leicht denken, wie schwierig es der Negierung war, würdige Personen zu dieser Amtsverwaltung zu finden. Meistentheils waren es unwissende Leute, die vom gemeinsten Egoismus geleitet, zu allen Mißbräuchen, die sich in alle Zweige der inneren Gemeindeverwaltung eingeschlichen, und sich zufolge ihrer Behandlung von seiten der gesetzgebenden Gewalt auch einschleichen mußten, — nicht allein ein Auge zudrückten, sondern noch dazu ihre officielle Hand darboten. Aus den Wahlurnen der Gemeinden hervorgegangen, die nur willenlose, ihnen sclavisch ergebene Subjecte wählten, alles rabbinischen Wissens haar, genoffen sie in den Augen der Gemeinden keine Achtung und Autorität; sie fanden auch dieselbe bei ihrer Vertretung der Gemeinden nach Außen hin keineswegs. Diesen letztern Uebelstand nämlich, daß die Gemeinden *) In allen slavischen' Ländern war - das Rabbinerthum so tief gesunken. Ausnahmen waren schon im achtzehnten Jahrhundert nur sehr selten. Corresp. in der Herabwürdigung ihrer Vertreter selbst herabgewürdigt werden, einzusehen, fehlte es den erstern an Einsicht. — Der Ungebildete ist nie bedacht sich in seiner nächsten Umgebung Achtung zu verschaffen.*) Als die hohe Regierung um das Jahr 1844 um die Bildung ihrer jüdischen Unterthanen besorgt zu sein ansing und ernstlich daran ging regelmäßige Schulen zu gründen, war sie auch bestrebt diesem Uebelstande abzuhelfen. Sie gründete nämlich in Wilna und Zitomir, Städten, von denen erstere den Mittelpunkt der nordwestlichen, letztere den der südwestlichen Gouvernements repräsentirt, zwei Rabbinerschulen. Der Zweck derselben ist ein zweifacher: Lehrer und Rabbiner auszubilden. Da der Lehrcursus in den profanen Gegenständen dieser für die Bildung der hiesigen Judenheit höchstwichtigen Institute dem der Gymnasien entsprach, so war bis jetzt wie in diesen das Studium der classischen Sprachen ausgeschloffen.**) — Die Regierung hoffte mit Recht, daß die aus diesen Rabbinerschulen hervorgegangenen Rabbiner zur Uebernahme aller der Functionen, wobei dieselbe mit der Gemeinde in Berührung kommt, tüchtige Männer abgeben und ihr als thatkräftige Hebel bei den einzuführenden Neuerungen in Schule und Gemeindeverwaltung dienen werden. — Sie fand sich auch hierin nicht getäuscht. Nach mehr als einer 15 jährigen Existenz entließen diese Schulen eine Anzahl tüchtiger junger Leute, die außer dem pädagogischen auch den zweijährigen Nabbinercnrsus durchgemacht, und die Negierung drang nun darauf, dieselben von den Gemeinden gewählt zu sehen. Diese letzteren begannen nun mit ihrer gewöhnlichen Zähigkeit diesem Ansinnen der Regierung einen passiven Widerstand zu leisten und gebrauchten hierzu die von ihnen bis jetzt bewährt gefundenen.Manövers.-^— In *) Der selige I. B. Löwensohn 'erzählt in seinem Werke: hviyn, daß einst der Kaiser Alexander der I. einer Gemeinde eine bedeutende Summe zur Erbauung einer Synagoge bewilligte. Bei einer Durchreise fragte derselbe die Vorsteher, ob sie eine Synagoge hätten? Nein! lautete ihre Antwort. Verwundert wendete sich der Kaiser an einen der ihn begleitenden Gouverneure. Dieser zeigte mit dem Finger nach einem Prachtgebäude hin, das die Vorsteher Lügen'strafte. Es stellte sich heraus, daß die Vorsteher nicht wußten, was eine Synagoge ist. Schkola würden sie wohl verstanden haben, Corresp.. **j Siehe den zweiten dieser Briefe im vorigen Jahrgang dieser Zeitung, wo über diese Schulen ausführliche Mittheilungen gegeben wurden. ~ i .