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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1866-06-05 · Heft 23 (5.6.1866) · p. Seite 365

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
30 (1866)
Issue
Heft 23 (5.6.1866)
Date
1866-06-05
Page
Seite 365 (sequence 11)
Language
German
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m '. Ihr Chinese wisse denn, daß Hr. Isidor, ohne gerade ein unvergleichliches Talent zu besitzen, ein vortrefflicher Redner ist, die Herzen tief zu rühren versteht, und seine Predigten immer eine reichliche Ernte von Liebe zur Wohlchätigkeit erzeugen, bei seinen bemittelten Zuhörern, zu Gunsten seiner dürftigen Religionsgenossen — daß Hr. Isidor von Allen geliebt, leutselig, zuvorkommend, gefällig, großmüthig und voller Hingebung ist; daß er ein thätiges., arbeitsames Leben führt und atl< seine Nabbinats-Pflichten mit Gewissen und Ehre besorgt. Wir werden daher nie, ohne zu protestiren, erlauben, daß man s o unsern Seelsorger unverdienter Weise herabwürdige. Die dritte Behauptung des Chinesen ist folgende: „Man schiebe die Wahl eines Oberrabbinen für Frankreich auf, weil sich kein taugliches und würdiges Subject vorfinde diese hohe Würde zu versehen." Hier müßte man sicherlich glauben, daß Ihre Correspondenz wirklich von einem Chinesen geschrieben worden ist, denn hier in Paris weiß ein Jeder, daß die Verspätung der Wahl von dem Umstande herrührt, weil die delegirten Wahlen von Paris, Lyon und Metz vom Ministerium des Cultus noch nicht genehmigt sind, und daß es also ganz natürlich ist, daß man die desinive Bestimmung aller Delegirten abwarte, ehe man gesetzlich zur Wahl schreiten kann. Diesem nach wird Niemand staunen über die beleidigenden übrigen Ausfälle und Einfälle Ihres chinesischen Correspondenten. Er sagt ferner: daß nach Hrn. Isidor noch die Herren Klein und Sahen als Candidaten möglich wären. In Betreff des Hrn. Klein, so gesteht der Chinese selbst ein, daß er der gelehrteste Rabbiner Frankreichs ist! Aber der arme Mann ist orthodox, welch ein schrecklicher Fehler! Ganz Europa kennt den Hrn. Klein, als einen tief denkenden, weit umfassenden Gelehrten/ Er hat vortreffliche Bücher geschrieben, gediegene religiöse Schriften verfaßt. Es wäre also überflüssig, sich weiter hierüber auszudehnen.. Werde ich auch von Hrn. Cahen sprechen? Sicher ist er ein trefflicher Talmudist der alten Schule, ein ehrwürdiger Greis, den nur der Neid mit Geifer bespritzen kann. Uebrigens ist meine Meinung über diese drei Candidaten bekannt, denn ich habe vor Kurzem in einer besonderen Schrift dieselbe veröffentlicht. Wenn der Corr. die Perlen des französischen Judenthums, die Hr. Munk, Albert Cohn und Derenbourg nennt,- so fragen wir: find diese' Herren wirklich noch Deutsche? Sie bewohnen schon so lange Paris, daß es nur einem Chinesen erlaubt ist, aus Scherz und Hohn so etwas zu vermuthen! Der Hauptpunkt des Corresp. läuft dahin aus, „einen Deutschen zum Oberhaupt der französischen Synagoge zu holen." Diesen zu widerlegen ist wohl nicht nöthig. Erstens ist das Gesetz förmlich gegen die Wahl eines Ausländers; zweitens mögen die Einkünfte von 7000 Francs, welche die des sel. Hrn. Ullmann waren, wohl nicht glänzend genug sein, einen ausgezeichneten deutschen Geistlichen zu verleiten, Vaterland, Freunde und Gewohnheiten zu verlassen. Herr Ullmann lehnte sogar eine Verstärkung seiner Besoldung ab, mit der Bitte, solchen Zuschuß den ärmeren Rabbinern oder deren Wittwen zufließen zu lassen! Ich glaube nun, Hr. Redacteur, hinreichend dargethan zu haben, daß Ihr Chinese weder das Judenthum, noch die Rabbinen in Frankreich kennt. Wir werden uns nie erlauben, die inneren Angelegenheiten Deutschlands oder des himmlischen Reichs zu beurtheilen, aber man lasse bei Ihnen auch unsere Rabbinen in Ruhe und beleidige sie nicht. Es bleibt imns noch übrig zu fragen, warum die französischen Rabbinen ihren deutschen Amtsbrüdern nachzustehen scheinen. In Deutschland giebt es keine rabbinische Rangordnung: der Rabbiner hängt von Niemandem ab, als von seiner Gemeinde, seinem Gewissen, und, setzen wir noch hinzu: seinen Einkünften. Ist eine Stelle vacant, da reicht weder rednerisches Talent, noch Diplom hin: der Candidat muß der Gemeinde, ihrem Geiste, ihrer religiösen Tendenz anstehen. Es giebt wahrscheinlich einige Ausnahmen, wo die Regierung auch ihre Bestätigung zu geben hat: wir kennen die Sache nicht genau, jedoch ist es sicher nur ausnahmsweise. Nun denn, der genannte Rabbiner, ein Mann von Einsicht, talentvoll, kräftig, von guten Absichten beseelt, wir geben es gerne zu, Meister seiner Zeit, arbeitet in seinen Mußestunden und schreibt Bücher, die, abgesehen von dem großen Absatz unter der großen Menge deutscher Juden, dem Verfasser Ehre und Gewinn bringen. Niemand hat das Recht, ihn wegen .seiner Meinungen zur Rede zu stellen, wegen seiner 'Predigten, noch seiner Schriften; er ist Herr seines Wortes und seiner Feder. Aber in Frankreich herrscht rabbinische Hierarchie. 23*

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