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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1866-06-05 · Heft 23 (5.6.1866) · p. Seite 357

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
30 (1866)
Issue
Heft 23 (5.6.1866)
Date
1866-06-05
Page
Seite 357 (sequence 3)
Language
German
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MWWUWM Wff«WW 357 die zahllosen Menschenleben, die durch den Krieg verloren gehen, sondern, und das wiegt wohl noch schwerer, die humane Entwickelung, die rechtliche und freiheitliche Entfaltung wird durch ihn gewaltsam unterdrückt, und es ist sehr fraglich, wann und wie sie wieder erstehen werden. Ja, die Aussichten werden nur um so trüber, je weiter wir über den Krieg hinaussehen, durch den der echte Cäsarismus seine Schatten über Europa nur um so weiter und dichter ausbreiten wird. Wir haben an dieser Stelle glücklicher Weise die politischen Verhältnisse weder zu untersuchen, noch zu beurtheilen; wir brauchen nicht zu fragen, wer den Zwist begonnen und des blutigen Haders Urheber ist, auf wessen Seite das Recht oder das Unrecht; wir haben nur die Dinge vom höheren, allgemeinen, religiösen Standpunkt zu betrachten. Und da ist es unsere heilige Obliegenheit, den Gedanken des Krieges in seiner ganzen Verabscheuungswürdigkeit zu charakterisiren, und unseren Theil dazu beizutragen, daß die Menschen diesen Gedanken hassen lernen. Darum vermögen wir auch unsere Entrüstung über denjenigen Theil der deutschen Presse nicht stark genug auszudrücken, welcher zum Kriege, zum deutschen Bruderkriege schürt und hetzt, wie wenn sie sich vom blutgefüllten Taumelkelch berauscht hätten! Wissen diese Deutschen, welche die Feder führen, die zum Volke sprechen und sich zu Interpreten der öffentlichen Meinung machen, wissen sie, was sie thun? Wenn sie es wissen, so sind sie um so verdammenswerther. Sie werden es schwer empfinden, und sie am ersten. Wenn sie erst die fremden Völker über Deutschland ausgießen geholfen, so werden sie am ersten verstummen müssen; wenn sie erst das Schwert über Deutschland ausstrecken geholfen, so werden sie zuerst erfahren, daß das Schwert die Feder neben sich nur so lange duldet, wie sie sich unbedingt in seinen Dienst begeben — vom Rechte der Deutschen, von der konstitutionellen Freiheit der Deutschen wird keine Rede mehr sein, und die Obmacht, welche die Deutschen beanspruchen, wird in eine völlige Hintenansetzung umgeschlagen sein. Wir bedauern und betrauern es, daß unter diesen Publizisten, welche für den Krieg in Deutschland schwärmen, auch Juden sind. Aber freilich, so wenig diese jüdischen Publizisten vom orthodoxen Judenthume bewahrt haben, so wenig haben sie vom wahren Geistesinhalte des neuen Judenthums in sich ausgenommen. Das Judenthum in seiner neueren Entfaltung hat wesentlich die großen socialen Lehren und Principien des Mosaismus aus dem Zeitenstaube, unter welchem sie verborgen lagen, wieder hervorgehoben und zum Lichte des Tages gebracht; es hat sie in sich ausgenommen, und mit zu seinem Lebensinhalte gemacht, indem es die alte Consequenz, Solidarität und Integrität in der Gotteslehre wieder herzustellen suchte, in welcher Gotteserkenntniß, Sittlichkeit und Gesellschaft nur ein einziges, untrennbares Ganze bilden, dessen Spaltung, Bruch und Zerbröckelung so große Jrrthümer und so schwere Leiden über die Menschheit gebracht. Wer solches Judenthum in sich ausgenommen, der kann nie für den Krieg sprechen oder schreiben, der wird stets mit aller Kraft und Begeisterung sich gegen ihn erheben und es für die segensreichste That seines Lebens halten, wenn er ihn auch nur in Einem Schritte aufzuhalten vermochte. Der große Humboldt sagte einmal, daß er alle seine wissenschaftlichen Verdienste dafür hingeben würde, wenn er vermöchte, nur Etwas zur Abschaffung der Sklaverei beizutragen. — Ihr seid keine Humboldts und habt keine wissenschaftlichen Verdienste hinzugeben, aber könntet Ihr beittagen, Europa, den Frieden zu bewahren, so hättet Ihr unschätzbares Verdienst erworben. Thut Ihr es nicht,' so werdet Ihr den Fluch dessen zu tragen haben. Wir aber wollen die schwarzen Wetterwolken mit Gott ruhig -herannahen sehen, den Sturm, wenn er einmal unausweichlich, mit aller Kraft bestehen, und dafür sorgen, daß die Pflanzungen, die so mühsam aus der Erde gezogen worden, nicht gänzlich untergehen. Die Hände müßig in den Schooß zu legen und abzuwarten, was das Unwetter uns übrig lassen werde, dies ist schwach und unmännlich. Wir Juden insonders hätten, wenn eine so schwere Prüfung bevorsteht, zu zeigen, daß die in der neuesten Zeit so lebhaft erwachten und gepflegten Interessen unserer Religion, unseres Gemeindelebens, unseres Cultus, unserer Schul- und Wohlthätigkeitsanstalten, unserer Literatur nicht oberflächlich, sondern tief in unseren Herzen wurzeln, daß wir daher ihrer auch in den schweren Zeiten der Bedrängnisse nimmer vergessen, für sie immer noch etwas Pflege und Achtung übrig haben, und an ihnen und ihrem Wachsthum unsere Freude, unsere Tröstung, unsere Läuterung und Erhebung finden! Dazu mahnen wir unsere Leser, dazu fordern wir unsere Freunde auf. Dies würde eine wahre Kräftigung und ein schönes Schauspiel sein! ^3*

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