Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1866)
- Date
- 1866-06-05
- Page
- Seite 356 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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WWW 356 'nicht auf Jahrhunderte angelegt, und die Geschichte beweist, daß, wenn auch Jrrthümer und Wahngebilde ein zähes, langwieriges Leben besitzen, ist erst einmal die Zeit gekommen, wo sie zum Absterben reif geworden, es schnell mit ihnen geht, und ihre Verwerfung sich mit einer Schnelligkeit ausbreitet, die man nicht für möglichgehalten. Eines der Vorurtheile, auf welchen die Idee des Krieges beruht, und das daher zu verdrängen und auszurotten ist, besteht in der Meinung, daß die wahre Mannhaftigkeit in der Kriegslust bestehe, in der Kriegesunlust sich die Schwächlichkeit eines Geschlechtes, die Entartung und Verweichlichung zeige. Unter Umständen kann dies wahr sein, nämlich wenn ein Volk sich dem frechen Angreifer nicht muthig gegenüberstellt und das Härteste über sich ergehen läßt, bevor es zum Schwerte greift. Aber als Allgemeinsatz ist es unwahr und ein Wahn. Die wahre Kraft und Energie bewährt sich in ganz anderen Werken, als die Strapazen eines langen Marsches, das Elend von Bivouacs und die Tollkühnheit, die sich gedankenlos in den Kampf stürzt, sind. Unsere Zeit, . welche den Erdball mit ehernen Banden umfaßt, welche durch Meere und über Wüsten ihre Drähte zieht, Riesenberge durchbohrt, Brücken über unbändige Ströme schlägt, unsere Zeit, welche Tag und Nacht arbeitet, jedes Ziel, das sie sich gesetzt, unermüdlich verfolgt, bis sie es erreicht, und sei es die Vollendung eines Domes, bedarf keiner. kriegerischen Beweise ihrer Energie, ihres Muthes, ihrer Thatkrast; sie bewährt mehr als irgend ein Geschlecht, das jemals über diese Erde gegangen, daß sie Muth, Unerschrockenheit und Hingebung in einem unerschöpflichen Maße besitzt. Unserem Bedünken nach zeigt der Seefahrer, der sein ganzes Leben den Gefahren eines trügerischen Elements ruhig entgegengeht, der Reisende, der wissenschaftlicher Zwecke wegen, in das Innere unbekannter Länder dringt, der Kaufmann, der sich des Handels wegen in die Mitte der Kaffern und Buschmänner wagt, der Jüngling, der sich in die Wellen stürzt, um ein Menschenleben zu retten, der Arzt, der die Stätten der Seuche üussucht, um seinen Mitmenschen zu helfen, ja selbst der Kaufmann, der sein Vermögen auf combinirte industrielle Speculationen wagt, keinen geringeren Muth, als der Soldat, der dem Kugelregen sich aussetzt, oder in eine Bresche hineinstürmt. Wahrlich, sollte das Menschengeschlecht, um sich kräftig zu erhalten, von Zeit zu Zeit es bedürfen, sich einander todtzuschlagen und den Wechselfällen des Krieges sich auszusetzen, so wäre es der Mühe nicht werth, so. viel Aufhebens von ihm zu machen. Aber es ist eben dieses ein Wahn wie der von den segensreichen Wirkungen des Krieges, die darin bestehen , daß man eine Stadt niederbrennt/ um mit der Asche ein Stück Feld zu düngen. Allerdings ist es wahr, daß die großen Interessen der Menschheit so unsterblich sind, wie sie selbst. Wenn der Krieg Handel und Industrie vernichtet, Kunst und Wissenschaft verdrängt, Recht und Humanität erdrückt: so sind dies Dinge, die nach dem Kriege wieder erstehen, und in ihrer ewigen Nothwendigkeit niemals für immer untergehen. Zwar haben wir schon Beispiele in der Geschichte genug, wo für ganze Völker, ganze Länder die ausgelöschten Fackeln sich niemals wieder entzündeten, wo die Verwüstung, Knechtung und Verwilderung eine so vollständige war, daß der Boden dieser Nationen und Landschaften auf immer verödete. Aber für die. Menschheit im Ganzen können die großen Triebfedern ihrer Thätigkeit, worin ihre Athemzüge und Pulsschläge bestehen, nicht für immer absterben, sondern müsien sich immer und immer wieder gebaren. Freilich kommt es vor, daß in Folge solcher Bewegungen, wenn sie allgemein geworden, eine ganze Culturepoche zertrümmert, und auf ihren Trümmern ein tausendjähriges Reich der Rohheit und Barbarei aufgerichtet werden kann, zuletzt aber entfaltet sich die Blüthe der Bildung und Gesittung um desto reicher, und die unter der Asche verborgenen Säfte dringen belebend durch den neuen Stamm bis in die äußersten Zweige und Kronen.. . Doch lassen wir die Ironie. Es ist schwerer, trüber Ernst um die Sache. Das Geschlecht, das lebt, und das darauf folgende und das dritte und vierte haben so gut ihr Recht an eine freie, blüthenreiche Existenz, wie die Generationen, welche nach Jahrtausenden kommen werden. Es ist baarer Hohn, uns zu vertrösten, daß nach langer Zeit die Wunden vernarben werden, die man uns schlägt, daß der dereinstige Friede schon wieder ersetzen werde, was wir verlieren. Nichts ist sicherer, als daß Recht und Freiheit, wenn sie einmal vom Schwerte niedergehauen worden, für lange Zeit auf deck blutgetränkten Boden liegen und daß an den Sieg der Waffen sich eine lange Herrschaft der Waffen knüpft. Der Krieg hebt alle Principien der menschlichen, alle Grundsätze der bürgerlichen Gesellschaft auf, und es dauert lange und kostet unendliche Anstrengungen, um jene wieder zur Geltung zu bringen. Es sind also nicht allein die unermeßlichen materiellen Güter, nicht allein