Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1866)
- Date
- 1866-05-29
- Page
- Seite 341 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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dem Menschen bte wirklichen Kräfte des Geistes, und machen ihn unfähig, unermüdlich zu arbeiten und rastlos zu schaffen. Der Krieg bringt nur einen Rausch hervor, und die Energie, die er bewirkt, ist nur wie die Kraft, welche die Spirituosa gewähren; schnell ist sie verflogen, und die Erschlaffung, die ihr folgt, ist um so größer. Nein! die wahre Energie des Menschen besteht in der Arbeit, der geistigen und körperlichen, in der Selbstaufopferung für Tugend und Pflicht, im Kampfe für Wahrheit und Recht, in der' Selbstbeherrschung seiner Leidenschaften, und hierin allein werden die wahren Heldenthaten geübt. Die Folge des Krieges ist immer die Herrschaft der Gewalt; lange nach ihm regiert noch das Schwert, auch wenn es in der Scheide steckt; Freiheit und Recht liegen Jahrzehende darnieder, und werden in einem kriegerischen Volke nie feste Wurzeln fassen. Solche Folgen haben selbst Kriege um Freiheit und Recht; das predigt doch wohl die Geschichte unserer Zeit so laut, daß selbst der absichtlich Taube dieses Wort vernehmen und verstehen sollte. Krieg gebärt immer wieder Krieg; der Friede, der auf ihn folgt, ist nur ein Compromiß für die nächste Zeit; er ist nicht eine Krise,, die zur Heilungführt , sondern ein Wechselfieber, das nach kurzer Zeit von Neuem ausbricht. Und so bleibt der Krieg, was er immer gewesen, ein tausendfaches Verbrechen gegen „Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Gut" und „Du sollst nicht morden!" Das Menschengeschlecht ist älter geworden. Es hat angefangen, seine Geschichte verstehen zu lernen. Die trügerischen Nebel, die diese umhüllten, weichen allmälig. Und so ersteht dennoch die Hoffnung, daß die Völker immer mehr einsehen werden, wie verabscheuungswürdig der Krieg ist. Zur Charakteristik des Talmuds. IV.*) Um jedoch die von unsgegebene Definition des wesentlichen Charakter des Talmuds noch - sorgfältiger zu erweisen und zur klaren Anschauung zu bringen, wollen *) Im Art. Hl. dieser Abhandlung bitten wir folgende Druckfehler zu verbessern. No. 20 S. 308 Sp. 1 Z. 14 ü. u. lies nicht „hiervon", sondern „hierin." — S. 309 Sp. 2 Z. i v. p. lies nicht „Werk", sondern' „Wort". — S. 310 Sp. 1 Z. 7 v. o. lies nicht „Gesäuertes", sondern „ Un g e säuerte s." wir einen Blick auf die Hauptgegenstände, die der Talmud behandelt, und die Art, wie er sie behandelt, werrfen. Es versteht sich von selbst, daß wir hierbei weniger die Objekte als die Methode im Auge, also nicht die Stoffe selbst irgendwie erschöpfend, zu besprechen haben, als vielmehr an ihnen den von uns gezeichneten Standpunkt des Talmuds zu erweisen. Darum begnügen wir uns hier, vorzugsweise die Mischna in Betracht zu ziehen, die doch nur eine im Wesen konsequente, aber weit weniger systematische Fortsetzung in der Gemara gefunden, und von der auch die rabbinische Literatur mit dem ganzen Heere der ri'W'ia folgerichtige Ausläufe giebtl Ebensowenig brauchen wir deshalb alles das herbeizuholen, was über einen Gegenstand außerhalb des Hauptabschnittes, der ihm gewidmet ist, in der Mischna selbst noch zerstreut ausgeführt ist, sondern begnügen uns mit der Betrachtung solcher Hauptabschnitte. Wir beginnen hier mit dem Gebiete, auf welchem sich der eigentliche Charakter des Talmudismus des Gegenstandes wegen am erkennbarsten macht, ittU Berachotfc. Das Gebet ist es, welches an und für sich als der unmittelbarste Ausfluß der religiösen Empfindung und deS religiösen Gedankens zu betrachten ist) welches daher aus der eigensten und freiesten Bewegung und Regung deS menschlichen Geistes hervorgehen, muß. Ja, man kann' sagen, daß das Gebet seinen eigentlichen Werth ganz' allein in diesem seinem Ursprünge, in dem durch das Herz gegebenen Inhalt seinen Werth besitzt, und, zu bloßer, gedankenloser Lippenbewegung geworden, seines ganzen Werthes verlustig geht. Es ist dies in der h. Schrift und im Talmud selbst oft genug auSge- : sprachen. Andererseits kann man nicht verkennen', daß' - das Gebet auch eine vorzügliche Pflege des religiösen -Denkens und Fühlens abgiebt, und durch dasselbe die'; Andacht und Weihe des Geistes hervorgerufen wird , sd daß, wer sich des Betens entschlägt, auch viel vom re- : ligiösen Leben verliert und seine innersten Seelenbezie-' Hungen zu Gott abschwächt. Aber auch dies hängt vow 5 der Art des Betens ab, und jemehr es zum bloßen Me-- chanismus wird und' der freien und innigen Thätigkeft des Geistes entbehrt, desto mehr verliert es auch' seine! Pflegekraft des religiösen Sinnes. Aus diesem Gründe -haben die meisten Religionen, namentlich-in ihrer spä-! teren Entwickelung, immer mit der Forderung, inbrüni stiger Andacht, nicht blos Gebetszeiten bestimmt, sondern' i auch Gebete formulirt, wodurch auch namentlich ein ge-. : meinsamer Gottesdienst ermöglicht wird. Die manchetlei