Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1866)
- Date
- 1866-05-15
- Page
- Seite 315 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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315 mögens - Angelegenheiten überhaupt etwas entscheiden werden? Gnoinski (Advokat in Lemberg) giebt hierauf gar keine Antwort, verliest aber mit brummender, kaum vernehmlicher Stimme, eine alte lateinische Urkunde, nach welcher die Lemberger Israeliten in alter Zeit andere Steuern als die Christen zahlten (aliter conlribuant). Hieraus will er schließen, daß die Israeliten nicht zu den „Bewohnern Lembergs" gezählt wurden. Uebrigens könne man den Christen nicht die Hälfte ihres Vermögens zu Gunsten der Juden entziehen. Kapiszewski erwidert Landesberger, daß bis zum Jahre 1848 die israelitische Gemeinde abgesondert bestanden habe; im Jahre 1848 sei derselben die politische Gleichberechtigung ertheilt worden, aber auf das städtische Vermögen habe sie keinen Anspruch. Landesberger ergreift nochmals das Wort, um zu erklären, daß die israelitische Gemeinde keineswegs einen besonderen Antheil am städtischen Vermögen für ihre speciellen religiösen Zwecke verlange; dieselbe begehre nur, daß dieses Vermögen weiter für allgemeine städtische Zwecke, wie Beleuchtung, Pflasterung u. dergl., verwendet werde, damit sie nicht etwa in die Lage komme, neue Judensteuern an die Stadt- Lehörde zu entrichten. Der Referent Gnoinski fertigt die Angelegenheit mit schlechten (übrigens schon im Gemeinderathe gehörten) Witzen ab. Die Gleichberechtigung erstrecke sich nicht auf die Tasche; man könne den Christen nicht die Hälfte ihres Vermögens wegnehmen, um dieselbe den Juden zuzutheilen, u. dgl. m. Die Juden hätten in den polnischen Zeiten weder als „Städter" (mieszczanie), noch als Stadtbewohner gegolten, dagegen habe sich in den zehn Jahren von 1846 bis 1857 die Zahl der christlichen Einwohner beträchtlich vermindert und jene der jüdischen vermehrt; würden nun der christlichen Bevölkerung noch ihre Fonds entzogen, so sei dieselbe im offenbaren Nachtheil. Das Resultat der Abstimmung war, daß sowohl die Anträge von Dubs, als auch jene von Landesberger kaum 10—12 Stimmen für sich gewannen, wo- . runter die drei Abgeordneteten von Krakau iKoczynski, Samelson, Lipczhnski), dann Wenzyk. Smolka hingegen blieb bei der Abstimmung sitzen. — So hat unser Landtag bei „autonomer" Erledigung einer rein legislativen Vorlage ein durch persönliche Sympathien und Antipathien drctirtes Urcheil über Vermögensfra- ' gen der Juden gefällt. Ein Vorgang, welcher stark an Czechien erinnert! Auffallend ist es, daß der sonst so redselige Regierungs-Commissär, Hofrath von Possinger, welcher dem Referenten wehr als einmal Bemerkungen (mitunter sogar auf die Stylisirung einzelner Paragraphe bezüglich) machte, die von diesem jederzeit pflichtgemäß acceptirt wurden, diesmal, wie auch bei der Debatte über die Beschränkungen der Israeliten in der Gemeinde-Wahlordnung still blieb. Sollten denn Beschlüsse solcher Art etwa der Regierung erwünscht sein? Wien, 27. April. Wir haben bereits der Audienz der Deputation der galizischen Juden bei dem Kaiser Erwähnung gethan. Die „Ostdeutsche Post" meldet weiter: Nach der Audienz bei Sr. Majestät dem Kaiser begab sich die Deputation zu dem Minister .des Aeußern Grafen Mensdorff, dem sie ihr Anliegen - gleichfalls warm an's Herz legte. Se. Excellenz empfing die Deputation in freundlichster und entgegenkommendster Weise und sagte derselben die kräftigste Unterstützung dieser Sache zu, denn er wisse, um was es sich handle. Graf Mensdorff unterhielt sich nocklange mit der Deputation und fragte unter Anderm den anwesenden Herrn Kallier aus Brody nach dem Wohlergehen seines greisen Vaters. Hierauf wurde die Deputation von dem Juftizminister Ritter v. Kölners in einer einstündigen Audienz empfangen. Die Mitglieder der Deputation wurden Sr. Excellenz von dem Prediger vorgestellt, worauf Advocat Dr. Hönigsmann aus Lemberg die gerechten Beschwerden der dortigen Israeliten in ausführlicher und gründlicher Auseinandersetzung vortrug. Nach Dr. Hönigsmann ergriffen Dr. Blumenfeld seii., Advocat Dr. Kolischer aus Lemberg, Dr. med. Schorstein aus Brody, Advocat Dr. Blumenfeld jun. das Wort und trugen vom Standpunkte der Interessen der Landgemeinden ihre Beschwerden vor. Herr v. Korners hörte die Vorträge mit großer Theilnahme an und versprach reifliche. Erwägung und Berücksichtigung. Die Intentionen Sr. Majestät seien vom Geiste der Gerechtigkeit erfüllt; soweit es sich also im vorliegenden Falle um das bloße Vorurtheil handle, werde die Regierung demselben keine Berücksichtigung zu Theil werden lassen. 20*