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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1866-05-15 · Heft 20 (15.5.1866) · p. Seite 311

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
30 (1866)
Issue
Heft 20 (15.5.1866)
Date
1866-05-15
Page
Seite 311 (sequence 7)
Language
German
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Bll Aus Bayern, Ende April. (Privatmitth.) Häufig begegnet man in neuerer Zeit Klagen darüber, daß die Zahl Derjenigen, welche zum Lehrer- und .Vorsängerberufe Lust haben, in stetiger Abnahme begriffen ist. Tiefer Blickende werden einsehen, daß es hauptsächlich die Undankbarkeit und das Verfahren so mancher Gemeinden gegen ihre Bediensteten ist, wodurch letztere« ihr Beruf verleitet und auch Anderen die Lust zur Wahl derselben benommen wird. Die Gemeinde R—f im Kreise Unterfranken hat sich den traurigen Ruhm erworben, ein solch abschreckendes Beispiel zu liefern. Dieselbe besaß länger als 40 Jahre hindurch einen Vorsänger, der ein Ehrenmann in der schönsten Bedeutung des Wortes war, ausgezeichnet durch wahrhafte Frömmigkeit, echte Menschenfreundlichkeit und strengste Gewissenhaftigkeit. Hochgeschätzt bei Allen, die ihn kannten, erfreute er sich bei seiner Gemeinde einer seltenen Beliebtheit. In Freud und Leid nahm man seine Zuflucht zu ihm; denn er theilte Beides brüderlich mit Jedem. Dieser Mann würde nun ein Jahr vor seinem Tode von einer gefährlichen Brustkrankheit befallen, der er leider zum Opfer fiel. Während der Dauer derselben fehlte es ihm wohl nicht an Beweisen der Liebe seitens seiner Gemeinde. Als es sich aber um Festsetzung einer Pension für ihn handelte, da glaubte man mit 50 fl. jährlich seine Schuldigkeit gethan zu haben, obwohl die sehr wohlhabende Gemeinde leicht eine größere Summe hätte aufbringen können. Doch der edle Entschlafene zeigte sich in seiner Bescheidenheit auch für diese Bagatelle voll Dank und war noch auf dem Schmerzenslager bemüht, ihr neue mbsn für die a's heranzubilden. Bei seinem Begräbnisse flössen, wie Augenzeugen versichern, Thränen in Menge. Kaum hatte sich aber das Grab über ihm geschlossen, entzog man seiner zurückgelassenen, betagten Wittwe die geringe Pension. Das Einzige, was man ihr ließ, war ein zum Dienste gehöriger Gemüsegarten, an dem die alte Frau ihre besondere Freude hatte. Die Bearbettung und Pflege desselben gehörte zu ihren Lieblingsbeschäftigungen. Aber der neugewählte Vorstand hatte nichts Eiligeres zu thun, als — den fraglichen Garten um jährlich 3 fl., sage drei Gulden, an einen Anderen zu verpachten! Ehre dem edlen Herzen dieses Vorstandes, der es verstand, der betrübten Wittwe die Erinnerung an den, von ihrem seligen Manne bekleideten Dienst gründlich zu verleiden! Ehre seinem Scharfsinne, mittelst dessen er seiner Gemeinde eine neue Einnahmequelle zu erschließen" wußte! Preußen. Aus Westfalen, im April. (Privatmitth. Verspätet.) Mit Recht weisen Sie die cyrsführlichen Beschreibungen von Jubiläen u. s. w. ab, um den Raum dieser Zeitung zu schonen, 'und machen nur dann eine Ausnahme, wenn sich ein besonders bemerkenswerthes Moment damit verbindet. Dies findet wohl bei dem am 14. März zu Horn pattgefundenen fünfzigjährigen Dienstjubiläum des auch in wetteren Kreisen als Verfasser mehrerer guter Schriften bekannten Lehrers S. L. Liepmannssohn statt. Liepmannssohn entstammt dem Ländchen Anhalt- Dessau, jenem Ländchen, dem das Judenthum so viele herrliche, auf seine moralische und geistige Hebung so vortheilhaft einwirkende Männer verdankt. In jenem Ländchen war die geistige Regsamkeit unter den Israeliten größer, als im übrigen Deutschland, und die Saat, die Mendelssohn ausgestreut hatte, entfaltete sich dort früher, als anderswo. Das zeigte sich besonders in der Gründung einer trefflichen Lehranstalt, der Franzschule zu Dessau, in welcher die israelitische Jugend auch im Deutschen unterrichtet wurde. Aus dieser Anstalt, an welcher Männer wie G. Salomon, M. Philippson und I. Wolf unterrichteten, gingen treffliche Jünglinge hervor, die sich dem Lehrerstande widmeten, und als Pioniere der Cultur und Bil- . düng in alle Gegenden Deutschlands zogen. . Zu diesen Jünglingen gehört auch unser Liepmannssohn, der nach Westfalen seinen Schritt wandte, und im Jahre 1816 zu Bünde seine Wirksamkeit als Lehrer begann. Er ist also einer der Männer, die die Israeliten Westfalens in den Kreis allgemeiner Weltbildung einführten, und sie deutsch reden und denken lehrten. Wo eS die geistige und moralische Hebung seiner Glaubensgenossen galt, da war Liepmannssohn ein Mann am Platze, durch Wort, Schrift und That wirkte er in dieser Hinsicht und sein wohlthuender Einfluß auf alle Verhältnisse seiner Glaubensgenossen ist nicht zu verkennen.. Er war es, der die schöne Feier der Constrmatton in Westfalen unter den Israeliten einführte und überhaupt den Gottesdienst hob und veredelte. — Die Bescheidenheit des Jubilars wollte es nicht zulasfen, dem

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