Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1866)
- Date
- 1866-05-15
- Page
- Seite 308 (sequence 4)
- Language
- German
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»M DWWNWU^^WNWWWW^WWWWWWWDWDWD 308 Der Inhalt, die Tendenz und.der Charakter des Mvsaismus sind: das Religiös-Ethisch-Sociale in seiner Einheit und Consequenz. Die Lehre vom einzigen. Gotte, von der Welt und ihrer Einheit als Schöpfung Gottes, vom Menschen, seinem Geiste und seiner Beziehung zu Gott, von der Liebe und dem Rechte in der Allgemeinheit und deren Verkörperung in der Volkseinheit, von den allgemeinen Principien der Gesellschaft und wie sie sich im bestimmten Volke unter gegebenen Verhältnissen konkret machen, dies ist der Mosaismus in der. folgerichtigsten Entwickelung. Das Individuum ist hier vorzugsweise nur in seiner Beziehung zur Volkseinheit und selbst in kultueller Hinsicht nur in seinem Verhältniß zum Nationalheiligthum aufgefaßt. Der Inhalt, die Tendenz und der Charakter des Prophetismus sind: das Religiös-Ethische. Aus dem geschichtlichen Entwickelungsgange heraus kommt es dem Prophetismus vorzugsweise darauf an, die Lehre vom einzigen unkörperlichen Gotte sieghaft über das Heidenthum zu machen, und als die Consequenz jener die wahrhafte Sittlichkeit in Gedanke, Wort und That zu allgemeiner Geltung zu bringen. (Man vergleiche z. B. das Kapitel 18 eines der letzteren Propheten, des Jecheskel.) Das Sociale und dessen wie des Religiösen Verkörperung im Gesetz und Cultus wird von ihm vorausgesetzt, darum nur selten berührt, ja selbst dann bekämpft, wenn sich der religiös-ethische Geist daraus zurückgezogen, Formalismus und Heuchelei an die Stelle aufrichtiger, sittlicher Frömmigkeit getreten. Der Prophetismus hat überall die Nationaleinheit vor Augen, ja, setzt bei dem vorausgesehenen Falle derselben ihre glänzende Wiederherstellung nach vollbrachter Läuterung voraus, dehnt aber das Religiös-Ethische auf die gesammte Menschheit aus, die sich hiervon im Laufe der Zeiten, d. h. der Entwickelung unter der beständigen Einwirkung der göttlichen Vorsehung vereinigen werde. — Vom Abschlüsse des'Prophetismus an nahm die Entwickelung einen gänzlich verschiedenen Weg. Die Nationaleinheit war mit der Rückkehr aus Babel nicht wiederhergestellt; die großen Glieder des israelitischen Volksstammes blieben zersplittert, und war auch in 'Judäa wieder ein Mittelpunkt gewonnen, so streckten sich doch jene über ganz Jnnerasien, Vorderasien, Egypten und bald noch weiter aus, so ' sehr, daß sogar ein zweiter Tempel mit Cultus und Priesterschaft in Egypten entstehen konnte; die Selbständigkeit wurde erst spät, nur .für eine kurze Zeit, und lediglich für den palästinensischen Theil des Volkes errungen. Ebenso wenig war bis jetzt die Ausbreitung des Religiös-Ethischen über die Menschheit schon, eingetreten, und nicht minder zeigte es sich, daß die bloße Anerkennung des Religiös-Ethischen, wie sie jetzt in Israel festgewurzelt war, noch nicht.genügte, es in dem Leben der Bekenner ganz zu verwirklichen. Von dieser Zeit ab wandte sich daher die religiöse Strömung auf das Individuum, die Religion hörte auf, eine Religion der Gesammtheit und Gesellschaft, deren Glieder nur die Individuen seien, zu sein,, und wurde zur Religion der Individuen. Es handelte sich nur noch darmn, daß das Individuum als solches von der Religion durchdrungen, religiös gesinnt und'religiös handelnd werde, während die Gesammtheit und die. Gesellschaft sich selbst überlassen wurde. Dies geschah im Talmudismus und im Christenthume; wir Hetzen den ersteren voran, weil er bereits eine bedeutende; Entfaltung seines Wesens erreicht hatte, als das letztere entstand. Der Unterschied lag aber schon darin, daß jener den früheren Charakter der Religion immer noch als vorhanden voraussetzt, während .das Christenthum ihn der Religion geradezu abspricht. In wie ferm nun das Christenthum zugleich sowohl das Religiöse durch die Vermischung der mosaisch-prophetischen Lehre mit ganz anderen Elementen, wie mit der Existenz des bösen Princips, mit der Trinität, mit der Erbsünde und der Erlösung völlig modisizirte, und auch das Ethische durch sentimentale Ueberspannung, und die Trennung, desselben von den socialen Principien und aller konkreten Gestaltung veränderte, dies zu verfolgen, ist hier nicht der Ort. .Wir wollten nur den einen Charakterzug des Individualismus hervorheben, da es bei ihm ganz allein sich um das Seelenheil des Einzelnen handelt, und selbst „die Gemeinschaft der Gläubigen in der Kirche" erst ein späteres Product in ihm war. Den Charakter des Individualismus trägt aber auch der Talmudismus. Wie der Prophetismus das Sociale, so setzt er das. Religiös- Ethische voraus, und seine Aufgabe ist es, dieses immer mehr und mehr zu individualisiren, im Leben der Individuen, in allen individuellen Lagen und Verhältnissen zu verwenden und zu verkörpern, für alle THLtigkeit des Einzelmenschen,'für alle erdenklichen'Specialfälle zu.bestimmen. Der wesentliche Charakter des. Talmudismus, wie er aus dieser Tendenz hervorgehen mußte, ist daher: die juridische Behandlung der Religion.. Die Jurisprudenz besteht in nichts Anderem, als in der Anwendung und Verwirklichung bestimmter Rechtsprincipien