Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1866)
- Date
- 1866-05-15
- Page
- Seite 307 (sequence 3)
- Language
- German
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307 „Nicht durch Macht und nicht durch Heere, nicht durch Rosse und nicht durch Waffen, sondern allein durch den Geist Gottes und nach dem Willen Gottes!" Stellen - wir unser Geschick der göttlichen Vorsehung anheim, die durch ihre Fügungen allein das Loos der Völker entscheidet. Vertrauen wir auf Gott und thuen wir unsere Pflicht nach allen Seiten hin; vor Allem aber hüten wir uns vor Einem: laffen wir uns nicht von Leidenschaft oder Haß ergreifen. .Was das Vaterland und sein Heil verlangt, thuen wir willig, und geben Blut und Gut daran; aber begeistern wir uns nicht für den Krieg, und Haffen wir unsere Gegner nicht, sondern wo sie uns als Menschen begegnen, seien wir Menschen gegen sie. Wer kann über Kriege der Völker mit mehr Recht trauern, als Israel?. Denn seine Söhne, wohnen unter allen Völkern, gehören ihnen allen an, haben ihr Vaterland in allen Ländern und kämpfen so in allen Heeren, einer wider den andern. Wenn von sterbenden Lippen auf den Schlachtfeldern der letzte Hauch des Lebens schwindet, so ist er von der einen wie von der andern Seite der Kämpfenden, der Sieger, wie der Besiegten, von manchem „Sodoms. Israel" begleitet. Wenn der Mensch sein Auge voll Weh und Leides von der Erde abwenden muß,.so hebt er es um so eher zum Himmel empor, um da den Trost und den Frieden zu finden, welchen ihm der kampfdurchwühlte Boden versagt. Wohlan, wenden wir unsere Seelen um so mehr der Religion zu: wir wiffen nicht, wie bald wir ihres lindernden Balsams bedürfen werden. Werfen wir ihre Interessen, ihre Aufrechterhaltung, ihre Förderung nicht hinter uns in dem wilden Gewühle — damit wir immer noch im Stande sind, uns mitten im Zwiespalt der Menschen einen stillen Platz des Friedens zu erhalten. Es leuchtet ein, daß in unserer Zeit der Krieg ein noch fürchterlicherer Zerstörer als in früheren Zeiten sein muß. Denn wenn auch früher die Wildheit, die Grausamkeit, die Vernichtungswuth viel stärker waren, so begrenzten sich die Folgen des Krieges doch mehr auf die Oertlichkeiten, die er mit seinem ehernen Fuße be- und zertrat. Bei der außerordentlichen Verbindung aber, welche jetzt die Mehrzahl der Völker eng an einander knüpft, bei der, ich möchte sagen, organischen Gliederung, in welche sie mit einander getreten sind, bei der unermeßlichen Verkettung der Besitzthümer, der gewerblichen Thätigkeit, des, äußeren und inneren Verkehrs, werden alle Völker, alle Stände und Schichten vom Kriege betroffen; schon das Nahen, noch mehr die Dauer eines Krieges untergräbt die Wohlfahrt zahlloser Familien und stürzt sie in Armuth und Noch. Nicht blos die Arme, welche kämpfen, sondern auch die viel zahlreicheren Arme derer, die durch die Stockung aller Gewerbe feiern müssen, werben von -erdrückenden Drangsalen beschwert, und nicht blos unter den Völkern, die den Krieg führen. Laffen wir uns deshalb um so mehr vom Gemeinstnn erfüllen, von den Gefühlen der Barmherzigkeit, der Anhänglichkeit und Treue beseelen. Ziehen wir uns nicht selbstsüchtig zurück, wie die Schnecke in das eigene Haus, das doch ebenso bald zertreten werden kann, sondern schließen wir uns um so enger an die Unsrigen, an Freunde und Nachbarn an, und theilen wir unser Gerettetes mit Denen, die Nichts gerettet. Dann wird auch unter dem Steinregen des Kampfes manche Saat der Gottesfurcht und Menschenliebe, des Edelmuthes und der Großherzigkeit aussprießen und erreifen. Es ist. Alles vorübergehend, und mitten im Kriege — hoffen wir auf Frieden. Zur Charakteristik des Talmuds. Hk Wir haben durchaus keine Vorliebe für die bei Denkern und Gelehrten allzu häufige Sucht zu schematisiren, sowie für den Glauben, genug gethan zu haben, wenn man die großen geschichtlichen Erscheinungen in gewiffe rubrizirte Definitionen gebracht hat. Die Fülle des Lebens und der lebendigen Entfaltung spottet zumeist dieser Einschränkungen, und Einseitigkeiten, so wie es auch in der Natur keine festen und sicheren Grenzen für die Wesengattungen giebt. Allein es würde doch zu weit gehen, wenn man darum nicht jeder an Umfang und Tiefe bedeutenden Existenz einen hauptsächlichen Charakter, eine scharf hervortretende Eigenart zusprechen und darum das Streben; diese zu erkennen und durch möglichst präcisen Ausdruck zu erkennen zu geben, aufgeben wollte. Namentlich da, wo es gilt, die Erscheinungen in ihrem Zusammenhänge zu begreifen, die einander nahestehenden in ihren Aehnlichkeiten und Verschiedenheiten aufzufassen und die einzelne zwar als ein Glied einer langen Kette anzusehen, aber einer Kette, die aus sehr verschiedenen Gliedern besteht. Darum müssen wir bei unserem Gegenstände auch in dieser Weise verfahren, indem wir jedoch von vornherein voraussetzen, daß wir mit unseren Definitionen die Objecte nicht abgrenzen, sondern nur in ihren Hauptzügen charakterisiren wollen. 20*