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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1866-05-08 · Heft 19 (8.5.1866) · p. Seite 295

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
30 (1866)
Issue
Heft 19 (8.5.1866)
Date
1866-05-08
Page
Seite 295 (sequence 7)
Language
German
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*295 lief; nicht gut mit dem Judenthum, mit seinen Glau-. bensgenossen, mit der Religion selbst. -- Aus obigen Thatsachen sieht man freilich, daß die Mecklenburgischen Verhältnisse im Allgemeinen viel zu wünschen übrig lassen, aber nicht nur für Juden allein, sondern für alle Unterthanen. B. G. Frankfurt a. M., April. sNekrolog.^ Auf einer Erholungsreise in Bayern, meinem lieben Heimathlande, welches ich nach mehrjährigem Berbanntsein wieder besuchen durfte, erreichte mich die tiefbettübende Nachricht; vom Tode meines vieljährigen, theueren, tteuausdauernden Freundes J.S. Adler, welcher an demselben Tage, wo ich dort am Grabe meiner' sel. Eltern innige Thräncn vergoß, dahier — Dienstag, 10. April — füll, ohne warmes Wort anerkennender Freundschaft beerdigt wurde — ein solcher Mann! — Ich kann hierüber'des Schmerzes heute noch nicht Meister werden. ■— Die lieben Meinigen schonten mich, wollten dem Vielbeschäftigten die Tage der Erholung nicht kürzen —aber, ach, wie gern wäre ich auf den Flügeln der Freundschaft hierher geeilt, um eine heilige Pflicht zu üben, die nur einmal geübt werden kann — so schmerzlich und doch so erhebend, einem verdienstvollen Manne die Krone des guten Namens verehrend auf den Sarg zu legen! — So sei es mir denn hier vergönnt, schriftlich das mündlich Versäumte nachzuholen und .in d. Bl. einem der bedeutendsten Männer unserer Gemeinde, den wohlverdienten Nachruf in's frische Grab nachzusenden. — R. Juda Samu el Adler, Sohn des Talmudgelehrten R. Marcus Adler s. A. von hier, erreichte ein Alter von 71 Jahren und hat in den letzten 60 Jahren, also im Laufe des ganzen 19. Jahrhunderts, die voranschreitende Bewegung des Zeitgeistes unter den hiesigen Juden mitgemacht, nach Kräften gefördert, ihre Bedeutung begriffen, ihre Gegensätze in sich verarbeitet und zur höheren Einheit des treuen Juden und edlen Weltbürgers vollkommen versöhnt. Es gab eine Zeit dahier — oh, sie ist längst dahin geschwunden und hat einem künstlichen Fanatismus Platz gemacht, der hier und von hier aus in benachbarten Gemeinden, oft um unbedeutender Reformen willen, unversöhnliche Spaltungen hervorrief — es gab hier einst eine schöne Zeit, wo die entschiedensten Vertteter der beiden entgegengesetzten Richtungen, Männer von gründlichem Wissen und reinstem Charakter, die innigsten Freunde waren. — Di'. Michael Creizenach, der glühende Vertteter und Verkündiger des reformistischen Judenthums, und Dr. R. Ar on Fuld, der eifrige Verfechter und wissenschaftliche Lehrer des Altrabbinismus, sie gingen damals, ein ebenso erbauliches Beispiel, wie die Freundschaft der milden Hillelianer und der strengen Schammaiten, Arm in Arm mit einander durch die Straßen, und I. S. Adler, der brüderliche Freund jener beiden trefflichen Männer, war im Bunde der Dritte — dieses Seelenbündniß, im Geiste mit dem Einen und im Gemüthe mit dem Andern, sagt Euch mit Einem Male, was der wackere Mann selbst werth war, und wohin seine Richtung ging. — Im Talmud gründlich gelehrt und durch ein merkwürdiges Gedächtniß, wie selten Jemand bewandert, verband er damit eine lebhafte Einbildungskraft, welche ihm die glücklichsten Eombinationen und blitzende Gedanken eingab, sowohl auf biblischem wie auf tälmudi-" schem Gebiete; und indem ich hier öffentlich das dankbare Bekenntniß ablege, durch seine belebenden, geistreichen Mittheilüngen zu mancher neuen Auffassung, ja, zu manchem Bild und Gleichniß in meinen Predigten angeregt worden zu sein, so ist dabei die Erinnerung, wie wohl ihm Das gethan hat, seine Ge- - danken in kleidsame Form gebracht zu sehen, und wie er in der Synagoge lächelte, wenn ich hier Und da, dergleichen einflocht — eben so erhebend für mich, als schmerzlich der Gedanke ist, daß ich jetzt im Geiste „seine Lippen nur im Grabe sich regen" sehe! — Er gehörte mit vollem philosophischem Verständniß der Neuzeit an, und da es ihm an der nöthigen Jugend- Schulbildung fehlte, war er, lesend und schreibend, fort-, während eifrig bemüht , das Versäumte nachzuhvlen, um sich auf der Höhe des Zeitbewußtseitts zu fühlen und zu erhalten. — Den reformatorischen Bestrebungen war er mit der reinsten Theilnahme ergeben; und als diese, mit dem Anfang der dreißiger Jahre aus der Schule ihren Einzug in die Synagoge begannen, war sein■ Haus, stets eine heitere Stätte altgemüthlicher, unbegrenzter Gastfreundschaft, der Sammelplatz der tüchtigsten Männer, der regsten Geister, wo, unter Scherz und sprudelnder Laune, manches Symposion gefeiert wurde. Sein eigener Humor war unerschöpflich; er war eine lebendige Chronik derreichen Übergangszeit und geht mit ihm ein unermeßlicher Schatz historischer Anekdoten verloren, der in Wahrheit unersetzlich genannt werden darf. Dabei besaß er jenes anziehende

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