Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1866)
- Date
- 1866-05-08
- Page
- Seite 294 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Zeitungsnachrichten. Deutschland. Perrzlin (Mecklenburg), im April. «Eingesandt.) In Ihrem geschätzten Blatte N. 9 d. Z. findet sich ein Artikel: „die Mecklenburger Zustände der Juden" betreffend, der einiger Berichtigung bedarf. Unter den Gemeinden Mecklenburgs giebt es Juden genug, denen das Wohl und Wehe ihrer Glaubensgenossen am Herzen liegt und die schon viele vergebliche Schritte gethan, um die — ich kann sagen — kleine Scheidewand zwischen Juden und Nichtjuden fallen zu machen. 7 Herr Einsender von No. 9 muß nur' gerecht sein und nicht den Juden die grenzenloseste Gleichgiltigkeit gegen ihre Lüge -zum Vorwurfmachen und einige Zeilen weiter, fich i selbst vergessend, bekennen: „Petitionen von Seiten der Juden haben nichs geholfen." . , Damit jedoch die Leser dieses geschätzten Blattes, denen''die- Mecklenburger Verhältnisse unbekannt sind, wissen mögen, daß Mecklenburg zwar noch sehr mittelalterlich, aber nicht gegen Juden allein, sondern gegen .Alle, die nicht adelig sind — bin ich bereit, jene in No. 9 angeführten Beweisgründe zu widerlegen. „Aus dem Umstande, daß die Landstände nur aus der Ritterschaft und aus Bürgermeistern, welche größtentheils adelig sind", bestehen, ist gerade bewiesen, daß nicht nur die Juden, sondern Alle, die nicht adelig, nicht vertreten sind. Die Beschränkung des Handels ist für Jeden, ohne Unterschied des Glaubens, und ist der Schubkarren wirklich zu schwer, so wird der Nichtjude sich wohl ..auch bemühen müssen, mitziehen zu helfen., - *; Daß die Rechte, die den Juden und Nichtjuden int Jahre 1848 eingeräumt, später wieder entzogen wurden, daran, ist die Regierung nicht schuld, sondern einzig und allein die Abgeordneten, denen auch. die. Regierung untergeordnet ist. Und mit Unrecht tritt daher Herr Einsender mit der Behauptung auf: „nicht allein die Regierung, sondern auch das Volk sind in-. tolerant, ja daß der Rischus im ausgedehntesten Maaße herrsche!" Ei , Herr Einsender, bleiben Sie sich doch, konsequent und urtheilen Sie mit Bedacht. Wenn die Bürger in Ihrem Orte mit Stillschweigen „das Aushängen. der Waaren am Schaufenster", was ( Ihrer Meinung nach verboten ist,, geschehen lassen; wenn die. Stadtbehörde trotz der. Einwendung des Primarius 'der jüd. Gemeinde einen Platz zum. Gottesacker neben/ idem ihrigen angewiesen und sich, sogar bei der Einweihung . desselben „nebst einer Menge der angesehensten Bürger in feierlicher Weise, betheiligten" — dann paßt Ihre Aeußerung. schlecht: „Der Rischus . ist hier im ausgedehntesten Maße herrschend." Manche nicht mecklenburger jüd. Gemeinde muß leider noch auf ein solches Vorrecht verzichten.. " „Durch die Nichtfreizügigkeit verkleinern - sich wohl die Gemeinden." Ist dies Gesetz aber blos für die Juden? Ist nicht jedem mecklenburger Unterthan die Scholle Erde, auf der er geboren, zugleich sein Grab? Seit 5 Jahren sind 121/2 Procent der Bevölkerung gänzlich ausgewandert, und doch nicht 100 jüd. Seelen waren darunter! Erlauben Sie, daß ich Ihnen eine Thatsache erzähle. Ein nichtjüdischer Arzc derwechselte seinen Wohnort Penzlin mit Stavenhägen,' ebenfalls in Mecklenburg, d. h. er wurde dort nur zeitweilig aufgenommen, gerade wie jeder Fremde. Dieser Arzt, der durch seine Freundlichkeit und Wohlwollen gegen Arme und Reiche, ohne Unterschied, beliebt war, will sich nun in Stavenhagen für inuner niederlafsen — der Bürgermeister erlaubt es nicht, eine Petition mit 400 Unterschriften der angesehensten Bürger bittet um seine Aufnahme — der Bürgermeister verweigert sie — bis endlich der - Bürgermeister nach der persönlichen Verwendung des Großherzogs nicht Nein sagen kann. Solches geschehen im Jahre 1866. — Ihr letzter Schmerzensruf, Hr. Einsender, daß „der gänzliche Verfall des Judenthums zu befürchten sei, weil die Regierung die Gemeinde rächt zwinge, Religionslehrer zu halten", obzwar ein solches Gesetz tu der That besteht, muß mich, um so mehr wundern,, als Sie doch den Charakter und die Geschichte der Juden kennen sollten. Sie müßten wissen, daß ein Volk, welches Allem: dem Hasse, der Verfolgung, der härtesten Lieblosigkeit standhaft nnd mnthig die Stirne geboten, sobald, man seine Religion angreifen wollte; daß . ein Volk, welches seit 18 Jahrh. nur in und durch seine Religion sich aufrecht erhält, kein fremdes Gesetz bedarf, um seinen Glauben, nickst sinken zu. lassen. Und Jeder, der von außen fremde Hilfe auf das Judenthum einwirkend für nothwendig hüll, der meint es wahr-