Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1866)
- Date
- 1866-05-01
- Page
- Seite 284 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226527-3226546--23928-3251257- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
284 bosnischen Kapiteln in den Büchern Esra und Daniel besitzen' wir in dieser Sprache beinahe allein die „Targumim" betitelten Uebersetzungen oder Umschreibungen, von denen die ersten ungefähr in den Anfang der christlichen Zeitrechnung zu setzen sind. Seit langer Zeit hatte man in den Synagogen den Gebrauch angenommen, die Kapitel der Schrift, die bei dem Gottesdienste öffentlich verlesen wurden, in der Volks- oder babylonischen Sprache nachzuübersetzen oder zu erläutern. In jeder Synagoge war ein besonderer Beamter mit dieser Aufgabe betraut; man nannte ihn yzi'inn „Dolmetscher". Später, im ersten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung, verfaßte Jonathan, Sohn Usiel's, seine Umschreibung der Propheten, indem er dem hebräischen Texte eine gewisse Zahl von Überlieferungen und Legenden hinzufügte. Dann -veranstaltete ein gewisser Onkelos, ein — wahrscheinlich babylonischer — Proselyt, eine chaldäische Uebersetzung! des Pentateuch, die als in sehr reiner babylonischer Sprache geschrieben angesehen und allgemein in die Synagoge eingeführt wurde. Andere Umschreibungen wurden nach einander veranstaltet: so wird eine Umschreibung der Hagiographen gewöhnlich dem Rabbi Joseph dem Blinden zugeschriebery der im Anfänge des vierten Jahrhunderts blühte; aber allein, die Uebersetzung der Psalmen und des Buches Hiob kann man einem einzigen Verfasser zuschreiben. Die der Sprichwörter ist augenscheinlich der syrischen Uebertragung entnommen. Der Autor der Uebersetzung wollte sich nicht die Mühe geben, sie von neuem zu machen; er begnügte sich die syrische Übertragung hier und da zu modificiren, um ihr eine chaldäische Färbung zu geben. Aber ein Leser, der noch so wenig in den . beiden Dialekten bewandert ist, wird auf der Stelle den ganz sonderbaren Charakter der sogenannten chaldäischen Uebersetzung der Sprichwörter bemerken. Die neuesten Umschreibungen sind die der fünf kleinen Megilloth genannten Bücher, d. h. des hohen Liedes, Ruth's, der Klagelieder des Jeremias, des Predigers und Esther's; der hebräische Text ist hier gewissermaßen in die Legenden und Gleichnisse versenkt. Es ist vielmehr ein Commentar, eine Sammlung von Traditionen, die in den hebräischen Text gruppirt sind.' Um nur ein' ./Beispiel anzuführen, . fügt in der zweiten Umschreibung Buches Esther (denn es giebt deren zwei) der Umschrviber zu der Stelle vom Throne des Königs Ahasverus .(i, 2) hinzu: Dieser Thron sei weder dem Ahasverus noch seinen Vorfahren zu eigen gewesen, vielmehr hätten ihn die persischen Könige inBgbylon erobert/ und Nebukadnezar habe ihn bei der Einnahme von Jerusalem erbeutet. Dieser Thron, mit einem Worte, wäre der Salomon's. Hierauf giebt er eine lange Beschreibung dieses Thrones, und bei dieser Gelegenheit geht er auf die Herrschaft Salomon's über, auf seine Beziehungen zu den Geistern, auf seinen intimen Verkehr mit der Königin von Saba und auf die Räthsel, die ihm diese Königin aufgab. Was die Uebersetzung des Onkelos betrifft, so zeichnet sie sich durch ihre Treue aus, und mischt, in den Text weder Traditionen noch Legenden. Onkelos erlaubt sich diese Zusätze nur bei wenigen poetischen Stellen, denen man messianischen Sinn giebt; und wenn er den Text hier und da modificirt, sothut er das nur zu Gunsten einer traditionellen Erklärung und besonders um die Anthropomorphismen daraus zu entfernen. So z. B. übersetzt er die Worte: „Du sollst das Böcklein nicht kochen in der Milch seiner Mutter", folgendermaßen: „Du sollst kein in Milch gekochtes Fleisch effen" (2 Mos. 23, 19. 34, 26. 5 Mos. 14, 21); weil nach der rabbinischen Tradition der Text des Pentateuch in diesem Sinne erklärt werden soll. Er verbannt mit großer Sorgfalt die Anthropomorphismen und vermeidet, Gott in direkte Beziehung mit der irdischen Welt und den Menschen zu setzen. Wenn z. ,B.- der Text in Bezug auf die Sodomiten sagt: „Ich werde herabsteigen und sehen", so setzt der Umschreiber dafür: „Ich werde mich enthüllen und urtheilen", um nicht Gott eine Bewegung oder einen Sinn des Körpers zuzuschreiben. Statt „Name Gottes" gebraucht er häufig die Ausdrücke: „Ruhm Gottes", oder „Majestät Gottes", und endlich „Rede^ oder „Wort"Gottes. Man kennt die „Mächte" (dwaptig), welche die jüdischen Philosophen in Alexandrien, und besonders Philo, als Zwischenstufen zwischen Gott und die Welt setzen, und die man mit den Hypostasen der Neuplatoniker und mit den Aeonen der Gnostiker vergleichen kann. Das Wort {loyog) ist die erste dieser „Mächte". Diese Ideen waren auch unter die . palästinischen Juden, gedrungen, und hieraus erklärt sich ber häufige Gebrauch dieser Umschreibung im Onkelos und in den andern Tar/ gumim. Dies erklärt uns den Anfang des Evangeliums des Johannes, den man. so dunkel gefunden hat (1 ,/l und 14): „Im Anfang war das Wort, und das Wftt war bei Gott, und dies Wort war Gott . . . und p8 Wort wurde Fleisch." Der Evangelist wollte, nach llrt der Umschreiber, die Fleischwerdung nicht unmittövar