Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1866)
- Date
- 1866-05-01
- Page
- Seite 280 (sequence 8)
- Language
- German
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beiderseits überzeugt sind, daß mit einer Summe von Fünfundzwanzig Tausend Thalern den zeitigen Be- ' bürfntffeit der Gemeinde nach dieser Richtung vollkommen genügt'werden könne. Eine solche Summe ist in einer so zahlreichen Gemeinde, wie die unsrige, leicht zu beschaffen, wenn kein Gemeindemitglied durch die hoffentlich hochherzigen Zusendungen unserer.wohlhabenden und reichen Glaubensgenossen, sich — mit stetem Hinblick auf die große That — abhalten läßt, auch das geringste Scherflein darzubieten und sich überzeugt zu halten, daß es als eine dankenswerthe Beisteuer zu einem edlen Zwecke werde gewürdigt werden. 'Nachdem ich seit 43 Jahren mich mit einer besonderen Vorliebe der Behandlung von Geisteskranken gewidmet habe und unter der fünfundzwanzig Jahre bestandenen Aegide eines berühmten Meisters der Psychiatrie, des unsterblichen Ernst Horn, eine genügende und gesegnete Lehrzeit hinter mir habe, darf ich wohl ohne Unbescheidenheit mich auf eine reiche Fülle gediegener Erfahrungen in Allem, was Geisteskranken noch thut, berufen; darf ich wohl hoffen, daß man meinem Gesuche keine egoistischen Tendenzen unterbreiten werde, um so weniger, da ich bei meinem vorgerückten Alter vielmehr darauf rechnen muß, ich werde, wie einst Moses 'das gelobte Land sehen, ohne hinein zu kommen. In unseren öffentlichen, wie in unseren Privat- . Jrrenheil-Anstalten bilden die jüdischen Geisteskranken beider Geschlechter stets ein relativ großes Contingent, und ich kann gewissenhaft versichern, daß während der langjährigen Dauer meiner Praxis auch nicht ein Jahr vergangen ist, wo ich nicht zu wiederholten Malen Zeuge des Widerstrebens gewesen bin, mit dem die Angehörigen jener Unglücklichen sich entschlossen, ihre resp. Kranken in eine christliche Irren-Anstalt unterzubringen, eben weil ihnen kein anderer Ausweg übrig blieb, und wo die Pflege und Behandlung der Geisteskranken selbst, von denen ja nur die Wenigsten ihres Verstandes gänzlich beraubt sind, der religiösen Beziehungen wegen auf mannigfache Schwierigkeiten stieß. Ich erinnere an das Bedürfniß des Koscher- , essens, an die Schwierigkeit des Transports der Speisen aus weiter Ferne, an die Heilighaltung des Sabbachs, an die Ceremonialien des Osterfestes, auf welche nicht blos die Angehörigen, sondern viele jüdische Kranke selbst, mit einer bei ihrer übrigen Jmbecillität wunderbaren Pietät halten, an die hohe Bedeutung des Neujahrs- und Verföhnungsfestes. ' Ich erinnere noch insbesondere an den direct psychischen Einfluß der Religion, von dem ich, fern von aller subjektiven Frömmelei, gar oft bei Geisteskranken die ersprießlichsten Folgen gesehen habe, und der in christlichen Heilanstalten den Juden so schwer zugänglich ist. Für die sichere Aufbewahrung und Unterbringung - der eingehenden Beiträge bis zu deren Verwendung wird gebührend Sorge getragen werden. Das Asyl, aus den Beiträgen der Gemeinde entstanden, würde selbstverständlich, wie alle anderen Wohlthätigkeitsanstalten, zum Nutzen und Frommen der Gemeinde verwendet werden. So möge denn der Segen Gottes die ftommen Wünsche, mit denen eine jede edle Saat beginnt, in Erfüllung gehen lassen, auf daß sie dereinst zur gedeihlichsten Frucht heranreife l" — Die Sache und diese ihre Befürwortung sprechen zu sehr für sich, als daß sie noch einer.besonderen Auseinandersetzung bedürften. Die geforderte Summe ist in der That verhältnismäßig sehr gering und kann in Berlin kaum große Schwierigkeiten finden. Wie uns Herr Dr. S. mittheilt, ist bereits die Bildung eines aus 10 bewährten Männern bestehenden Comitss begonnen. Es versteht sich, daß, wenn nur erst das besprochene Institut für Berlin begründet ist, es seine segensreiche Thätigkeit auch bald auf die Provinzen ausdehnen wird. Dann wird es aber nothwendig sein, daß auch die wohlthätigen Herzen in diesen die Mittel dazu hergeben, und gewiß werden Sie, Herr Redacteur, mit Freuden Ihre Mitwirkung eintreten lassen. Herr Dr. S. hat in seinem Aufrufe die Einwendungen gegen die Confessionalität einer solchen Anstalt beantwortet. Ich füge hinzu, daß gerade auf dem Gebiete der Seelenirrungen die religiösen Beziehungen eine tiefliegende Rolle spielen, daß sich ein jüdischer Irre in einer solchen Anstalt heimischer und seiner Familie weniger entrückt fühlen wird, daß das Vorhandensein einer kleinen würdigen Synagoge mit Gottesdienst für Viele dieser Unglücklichen eine Befriedigung herbeiführen wird. Möge also auch dieser Aufruf eine bereite Stätte' finden und so abermals Zeugniß geben, wie unsere Zeit ein warmes Herz für Religion und Wohlthätigkeit hat.