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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1866-05-01 · Heft 18 (1.5.1866) · p. Seite 274

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
30 (1866)
Issue
Heft 18 (1.5.1866)
Date
1866-05-01
Page
Seite 274 (sequence 2)
Language
German
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len HässeS, blinder Verachtung. So erscheint jenen Alles daran groß, tiefsinnig, erschöpfend, bedeutungsvoll, ohne Schwäche, ohne Makel, ohne Fehl; diesen kleinlich, übelwollend, schädlich , lächerlich. Wer aber in der Erfor- " schung der Dinge von solchen Gesichtspunkten ausgeht - und sie auf derartigen Piedestalen anzuschäuen fortfährt, wird niemals zu einem richtigen Verständniß, zu einer wahrhaften Würdigung kommen können. Dies vor Allem war das Schicksal des Talmuds und darum bildet er noch heute in der Großartigkeit seiner Existenz, in der ungeheueren Geistesarbeit, deren Erzeugniß er ist, in der langen Reihe der Zeiten und der Männer, denen er entstammt und zum Gegenstände der emsigsten Thätigkeit diente — eine Räthselfrage. Wir wissen, wie viel Fleiß seit seinem Abschluß auf den Talmud verwendet worden; wie geistesstarke Männer ihn excerpirten und seinen Inhalt zu ordnen sich bemühten: wie Jahrhunderte lang seine Halacha immer und immer wieder bearbeitet worden, wie man seine Midraschim " zusammengestellt und interpretirt hat; wie in der neueren Zeit die zahllosen in ihm zerstreuten geschichtlichen Notizen aufgesucht und benutzt worden, wie sein Entstehen, seine Fortführung, seine Sprache vielfach behandelt wurde. Aber so viel auch geschehen, so mangelhaft sind noch die Resultate. Besitzen wir doch noch nicht einmal eine gründliche Geschichte des Talmuds, welche die Annalen des Jahrtausends, dem er von seinen ersten Ursprüngen bis zu seiner Vollendung angehört, genau aüfstellt, seine Entwickelung sorgfältig verfolgt, seine äußerlichen Schicksale schildert, eine Kritik seiner Textesbeschaffenheit giebt und seine bibliographische und literärische Geschichte zeichnet. Man wird zugeben, daß, wo für eine wiffenschastliche Bearbeitung noch so große Lücken vorhanden sind, eine lange Zukunft noch voraüszusetzen ist, bevor man annähernd zu einem befriedigenden Ziele gelangt sein wird. Aber abgesehen von dieser noch ungelösten großarti- •/ gen Aufgabe, gestehen wir, daß für das allgemeine Verständniß des Talmuds nicht minder bisjetzt wenig geschehen. Wenn auch einige Versuche gemacht worden, die talmudische Exegese, die allgemeine talmudische Methode wissenschaftlich zu erörtern, so geschah dies leider von 'einem speciell philosophischen Standpunkte aus, . dessen Anwendung auf diesen Gegenständ aller Klarheit entbehren mußte, so daß die Frucht ungenießbar war. Aber der eigentliche Charakter des Talmuds und seine Stellung im großen Ganzen der menschengeschlechtlichen Entwickelung, insonders in religiöser Beziehung ist nm? erst schwach und mehr äußerlich beleuchtet worden. - In einer früheren Arbeit suchten wir feine Bedeutung für das spezifische Judenthum zu erfassen. - Wir wiesen den, auch neuerdings mit vielem Scharfsinn, aber auch nicht: weniger Sophistik vorgetragenen Gedanken, daß der Tal-- mud wie eine Reform des Judenthums zu betrachten sei, zurück, und erkannten seinen Zweck vielmehr darin, für die wahre und ganze religiöse Idee eine schützende Hülle zu schaffen, mittels welcher er jene durch die ungeheueren Völkerstürme, den Zusammensturz des Alterthums, die Erschütterungen einer aus Barbarei und Unwissenheit sich entwickelnden neuen Welt trotz der Zersplitterung des jüdischen Stammes mitten in die Völker und deren Leben hinein für die Zukunft Israels und der ganzen Menschheit erhalten konnte.*) So sehr wir nun auch jetzt noch hieran festhrlten und den höheren 'Beruf des Talmudismus darin erblicken, so ist doch damit nur eine Tendenz desselben und zwar mehr von einem außerhalb seinerselbst befindlichen Standpunkte bezeichnet. Wir halten es daher für geeignet, in Folgendem einige Gedanken über den Charakter des Talmuds, namentlich als einer specifischen religiösen Richtung auszusprechen, die wohl Winke für die richtige Auffassung desselben enthalten mögen, berichten aber zuvor über eine kleine, vor Kurzem erschienene Schrift, welche, ohne^neue Ansichten zu enthalten, doch bisherige Meinungen mit großer Präcision und Klarheit darstellt. Es ist dies: „Eine Abhandlung über den ersten Unterricht im Talmud, nach den didaktischen Grundsätzen unserer Zeit" von Dr. A. Stein, Rabbiner und Prediger an der Meisel-Synagoge. Prag 1866. Der Verfasser, der diese Abhandlung als Programm dem „Berichte über Entstehen und Bestehen der Prager Talmud- Thoraschule" voranschickte, will zwar zunächst über den ersten Unterricht im Talmud**) handeln, glaubte aber hierzu erst nach Charakterisirung des Inhalts und der Form des Talmud gelangen zu können. Hierbei wollen auch wir uns verweilen. Er vergleicht die Bibel und den; Talmud miteinander, und sagt: „Während nämlich bei der Bibel das Schriftwort bis auf den Buchstaben, bis auf jede Unregelmäßigkeit in der Schreibweise als Ge- *) S. Unsere Vorlesungen über die Entwickelung der religiösen Idee Seite 89 ff.' S. 142 ff. Ferner Unsere Israelitische Religionslehre Band I. Seite 213 ff. **} Vgl. Unsere Abhandlung über den ersten Unterricht im Talmud in der ersten Austage des Israel. Predigt-- und Schul-Magazin Baud I.

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