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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1866-04-24 · Heft 17 (24.4.1866) · p. Seite 268

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
30 (1866)
Issue
Heft 17 (24.4.1866)
Date
1866-04-24
Page
Seite 268 (sequence 12)
Language
German
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Gorrespondenz. Griefe über jüdische Gemeinden in Angarn. Von N. G. Die jüdischen Bewohner des Ungarlandes sind .in einem Punkte mit den Gelehrten einer Meinung, beide hegen eine besondere Vorliebe,und Hochachtung für das Me, nur waltet der Unterschied vor, daß diese unter dem Men das Antike verstehen, jene aber das Antiquirte. Wohl läßt sich dies nicht allgemein behaupten, es tauchen hie und da Gesinnungen auf, die für das Antiquirte keine Empfänglichkeit zeigen, und besonders ist es die jüngere Welt, welche seine Autorität in Zweifel zieht, jedoch eine Sturm- und Drangperiode ist noch lange nicht eingetreten, und dürsten noch Jahre gezählt werden, bis das Neue sich zum ungetheilten Rechte em- . porarbeiten wird. Eine Einzelbetrachtung ungarischer jüdischer Gemeinden liefert für das Gesagte volle Bestätigung. Das Magazin für alle alten verlegenen Maaren ist in der alten ungarischen Hauptstadt, die ihre Vorräthe daran'durch das ganze Land exportirt. Da ist Neutra ein vorzüglicher Stapelplatz, wo sie in großer Quantität und urwüchsiger Qualität abgesetzt wird. Der Cours steht zwar nicht auf der Höhe, die Schule, an welcher gute Lehrer wirken, tritt, hindernd entgegen, dafür aber florirt er in der Synagoge, wo alles noch so gut alt /■ athmet, daß man beinahe vergessen kann, in welchem Jahrhundert man lebt. Das Exterieur der Judengasse trägt nicht minder das Gepräge aus- und abgelebter Zeit, allgemein wird da die Conversation im Jargon geführt, wie er nicht klassischer in den schönen Zeilen des Verfassers des Werkes „Leen» llrena" gewesen, und selbst die Schuljugend spricht ihn mit vollkommener Virtuosität. Dies fiel uns besonders auf, doch kann den Lehrern nicht die Schuld beigemessen werden; wo die Eltern nicht aus eine zeitgemäße Heranbildung ihrer Kinder bedacht sind, wird die Schule nimmer ersprießliche Früchte zur Reife bringen. Der Vorstand und mit ihm ein beträchtlicher Theil der Gemeinde hat ein besseres Streben, allein es fehlt die Energie, welche nur durch einen tüchtigen Rabbiner wachgerufen werden kann. Die Rabbinerfrage wird oft behandelt, allein die Parteiungen haben ein zu weites Feld gewonnen, und läßt sich eine Vereinbarung hierin nicht in nächster Zukunft erwarten. Einige Stunden nordwärts liegt Groß-Topolcsän. . Die jüdische Gemeinde daselbst ist eine ziemlich bedeutende und dabei sehr wohlhabend. Das ist jedoch alles, was sich von ihr aussagen läßt, sie gleicht einer Oase, in der das Alte in voller Blüthe steht, die Bewegungen der Neuzeit ziehen an ihr völlig spurlos vorüber, und auch nicht ein Pförtchen ist den sich in der Gegenwart gellend gemachten : Anschauungen eines Bessern geöffnet. Die Synagoge ist nett gebaut, die „Ständer" wurden vor einigen. Jahren cassirt und Sitzbänke an deren Stelle gebracht; das ist etwa der einzige Fortschritt, den sich die dortige Hochorthodoxie zu Schulden kommen ließ, dafür aber klammert sie sich fester an's Schulklopsen, zweimal täglich coursirt ein Klopfherold das Städtchen, und drei Klopfe rufen die Gläubigen zum Gebet. Das Schulklopfen wird hier als wesentlicher Faktor zum Mahnen an den Synagogenbesuch angesehen, dem Lässigen hält es vor, wie er einst wegen seiner Lässigkeit bestraft resp. geklopft werden wird. Die Rabbinatsstelle ist auch vacant; an die Besetzung wird vorläufig nicht gedacht, aber die Anforderungen, die die Gemeinde an den zukünftigen Seelsorger stellen wird, sind bereits zu Protocoll gebracht, sie lauten: tüchtiges Talmudwissen, hochorthodoxe Gesinnung, Rednertalent und Bildung ä la Fischmann, wohlbestalltem Prediger zu Preßburg. Jetzt machen wir einen Sprung nach dem äußersten Norden des Magyarenlandes, wir sind in Liptü Sz. Miklos. Da athmen wir freier auf, die Lust ist eine reinere, das Terrain ein ganz verschiedenes. Diese Gemeinde zählt unter den wenigen im Lande, wo die Bestrebungen der Gegenwart Grund und Boden gewonnen haben, wo der rigorose Buchstabenglaube seine Autorität eingebüßt, und einem vernünftigen Denken Platz gemacht hat. Die wesentlichsten Verdienste um die Heranbildung der Gemeinde müssen der Schule zugesprochen werden, an welcher sieben tüchtige Lehrer wirken, und die nebst den vier Klassen der Volksschule auch eine zweiklassige Unter- Realschule hat. Schon vor anderthalb Decennien bestand hier deutsche Predigt, die Gemeinde hatte in der Person des Herrn Löwenstein , jetzt Predigers in Lemberg, einen vorzüglichen Kanzelredner, der zugleich als Direktor der Schule segensreich wirkte. Während seiner Amtirung fällt das goldene Zeitalter in Sz. Miklos, unter seiner umsichtigen Leitung entfaltete sich befferer Sinn, dessen Nachhall noch heute mächtig tönt. Seit seinem Abgänge entwickelte sich einerseits ein Jndifferentismus, anderseits ein Liebäugeln mit heuchelnder Pieti-

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