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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1866-04-24 · Heft 17 (24.4.1866) · p. Seite 261

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
30 (1866)
Issue
Heft 17 (24.4.1866)
Date
1866-04-24
Page
Seite 261 (sequence 5)
Language
German
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261 drucks seiner Gedanken verbindet. Er sagte neulichst zu mir-: „Das ist. sicher, während meiner Zeit ist die Welt in der Aufklärung zurückgegangen, und die dumme Gläubigkeit hat just soviel Gebiet gewonnen, als die Religion im Ganzen verloren hat." Ich.sah den Mann überrascht an, und er fuhr fort: „Sie wollen doch keine Beweise hierfür, da sie jeder Tag zu Dutzenden liefert? Oder haben Sie nicht erst in der letzten Nummer der A. Z.d. I. gelesen, daß der Gemeindevorstand von Wien für einen ausdrücklich für die Jugend bestimmten Gottesdienst jedes deutsche Lied oder Gebet streng verboten hat, während sicherlich fünf Sechstel der jüdischen Jugend zu Wien von der Religion gar nichts weiß oder wissen will, und selbst über die Reminiscenzen aus den Häusern ihrer mährischen, böhmischen, ungarischen oder galizischen Eltern spöttisch den Mund verzieht? Sie wissen, ich bin für die hebräische Sprache auch im Gottesdienste sehr eingenommen, und lasse überhaupt jedem Publikum seine Freiheit; aber ein solches striktes Verbot will doch etwas ganz anderes sagen. Von einem wiener Vorstande kann man dies nicht als einen Eifer für die Religion, sondern nur für eine beabsichtigte Concession gegen die dumme Gläubigkeit ansehen, ünd dies charakterisirt vollständig unsere Gegenwart. Dies ist aber auch nur ein Beispiel für Hunderte. Wir jetzigen Alten waren in unserer Jugend die Enthusia- 'sten für das aufgeklärte Judenthum, und bekänrpften als solche mit Feuer diö Nachfolger der Mendelssohn'schen Periode, die dem alten Judenthume nichts als die Verneinung und einen oberflächlichen metaphysischen Deismus.. entgegenstellten. Jeder Schritt vorwärts war ein freudig aufgenommener Sieg des neu erfaßten und in seinem Wesen erkannten Judenthums, was aber sehen wir jetzt? Von der einen Seite völlige Irreligiosität und ein vornehmes Absprechen über alle positive Religion; von der anderen geistloser Rückschritt, und wo wirklich das Bessere einen kleinen Raum beansprucht, geschieht es mit der größten Schüchternheit und mit tausend Reverenzen um Entschuldigung, daß man sich auch zu äußern wage. Einen freieren Gedanken flüstert man dem Nachbar nur leise in's Ohr, oder verklausulirt ihn dermaßen, daß er kaum noch erkennbar ist. In den Gemeinden macht sich überall die Mittelmäßigkeit Raum, und die Leiter der Gemeinden wollen gar nichts Anderes, denn sie sind wiederum nicht vom Eifer für die Religion geleitet, sondern wollen nur ihre Autorität ansüben, die sie von jeder geistigen Kraft bedroht und genirt glauben. Auf den Kanzeln werden die hochtönendsten Worte über die weltgeschichtliche Mission des Judenthums, über das Licht und die Vernunftmäßigkeit in demselben, unv daß es die bloße, blinde Gläubigkeit nicht verlange, ja bestreite, losgelassen, während dieselben Leute in'der Wirklichkeit sich an jedem Minhag und an jedem Buchstaben der rituellen Kodices festklammern; man jammert über das Verschwinden der Religion aus dem Leben, und will sie im Leben festhalten, indem man dieses an den veraltetsten Brauch fesseln will. Wenn ich Ihnen hiermit nicht genug gesagt habe, so habe ich Ihnen, schon zu viel gesagt." — Die Worte des Mannes, dessen Begeisterung für das wahre Judenthum ich aus seinen Handlungen und Werken genugsam kenne und dessen Scharfblick ich so oft zu bewundern Gelegenheit gehabt, machten mich verstummen, ich konnte sie nicht widerlegen und doch schmerzten sie mich tief. Aus dem Hannoverschen, Anfang April. lPrivatmitth.) Als ich vor zwei Jahren, Mitte Juni 1864,. von der Sarstedter Versammlung der Hannover'schen Lehrer zurückkehrte, berichtete ich Ihnen über dieselbe. Der Hauptzweck derselben war: Stiftung einer Unterstützungskasse für Lehrer, Lehrer-Wittwen und Waisen^ zu welchem Ende Statuten berathen und darüber endgültig beschlossen wurde. Nun sollte man doch meinen, die nöthige Bestätigung -der Vorgesetzten Behörden wäre rasch eingeholt worden, der Verein selbst übe schon längst seine wohlthätige Wirksamkeit. Nichts von alle-, dem. Die Statuten liegen wohl noch da, wo so manches unschätzbare Material ruht; die Kasse selbst kann warten, ob sie je das Licht der Welt erblicken wird. Erinnerungen, Anspornen haben nichts gefruchtet, und. ist es wohl begreiflich, wenn jetzt die Herren Cahn in Sarstedt, Fleischhacker in Harburg und Sommer in Verden ihre israel. Collegen im Hannover'schen auffordern, sich am Mittwoch, dem 23. Mai d. I. -in Lehrte einzufinden, um 1) über einen allgemeinen Anschluß an den „Verein zur' Unterstützung hülfsbedürftiger israelitischer Lehrer, Lehrer-Wittwen und Wai-. sen", den s. g. Klingenstein'schen Verein, und 2) über Bildung eines neuen Lehrervereins zu berathen und zu beschließen. Hoffentlich werden dieses Mal die hannov. Lehrer ihr eigenes Interesse zu wahren wissen; es gereicht ihnen wahrlich nicht zum Ruhm, wenn Auf-

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