Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1866)
- Date
- 1866-04-24
- Page
- Seite 259 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226527-3226545--23902-3251230- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
25S kavy hat sich die Bearbeitung slawischer Dokumente zur Aufgabe gestellt und. begrüßen wir daher sein erstes Schriftchen über diesen Gegenstand mit doppelter Freude. Nachdem der Autor die Meinungen aller seiner Vorgänger, wie Zunz, Grätz, Sternberg, Czacki, Levy, Cas-' sel, Geiger, Kirchheim u. a. über den ersten Wohnsitz der Juden in russischen und polnischen Ländern angeführt, wobei er auch die chazarische Zeit berücksichtigt, stellt er die Behauptung auf, daß die Juden im Mittelalter" in jenen Landern ursprünglich russisch (stavisch) gesprochen hätten und^ erst die deutschen Juden, die zur Zeit der Kreuzzüge eingewandert sind, hätten allmählig den russischen Dialect durch den verdorbenen jüdischdeutschen/ der heute noch in jenen Ländern gesprochen wird, verdrängt; diese Hypothese soll Herr Straschun in Wilna, der als Forscher auf talmudischem Gebiete allgemein gekannt ist, historisch begründen, denn, wie wie Hr. Straschun meint, haben die Juden im l 7. Jahrhundert (S. 13) noch einen gemischten Dialekt gesprochen. Bis die Beweise uns nicht vorliegen, können wir uns aus empirischen Gründen dieser Hyothese nicht anschließen; wir wissen, daß der größte Theil des heutigen Süd-Rußlands den Chazaren angehörte, Kioff, wo ohne Zweifel unter der chazarischen Herrschaft auch Juden wohnten, wurde erst im 9. Jahrhundert zur russischen Hauptstadt gemacht; die Juden,, die sich da versanden, können nur den Chazaren-ftatarischen) Dialekt gesprochen haben. Auf der anderen Seite durch Podolien können wieder Juden nur aus deutschen Provinzen gekommen sein, welche den gothischen Dialekt mitgebracht haben; woher sollen die Juden stammen, die nur slavisch (russisch) gesprochen hätten? Wenn man auch annehmen könnte, daß Juden in den chazarischen Ländern zurückgeblieben sind, nachdem diese russisch geworden, was aber kaum denkbar ist, so ist es sehr gewagt, die Bermuthung aufzustellen, daß der russische Sieger ihnen ihren tatarischen Dialekt abgedrungen hat, denn um jene Zeit war es dem Sieger blos um Ländereien und Geld zu thun, und nicht' dachte man daran, zu russificiren; vielmehr glaube ich, daß die dort lebenden Juden sich nach der Krimm und dem Caucasus mit den besiegten Völkerschaften zurückgezogen haben. Sicher ist, daß wir kein literarisches Werk auf jüdischem Gebiete in stavischer Sprache mit hebräischen Charakteren geschrieben besitzen, nicht einmal eine Übersetzung der Bibel, wie das in der arabischen, spanischen, deutschen, tatarischen, persischen und selbst der griechischen Sprache der Fall ist, wo wir doch wenigstens ausführliche Bocabularien besitzen; auch das Provenzalische wurde so gehandhabt, daß man es als lebende Sprache der dortwohnenden Juden erkennen kann. Zeigt uns die Geschichte deutlich, daß Jahrhunderte nicht im Stande sind, einem Volke seine' Sprache oderauch nur seinen Dialekt zu nehmen, wie w.ir dies bei den Basken, Irländern, Elsässern u. a. m. sehen, wiewohl diese die Besiegten sind und in den Schulen alles Mögliche gethan wird, um die ursprüngliche Sprache verschwinden zu machen, wie viel weniger kann ein eingewanderter Volksstamm, von geringer Zahl nur, die herrschende Landessprache verdrängen; wie sollten also die deutschen Juden, die doch vor Allem nur eine Herberge suchten, sich es haben einfallen lassen, dermaßen einwirken zu wollen, um die ursprüngliche slavische Sprache zu verdrängen? und in welcher Absicht? Sind für sie beide nicht fremd? Und wie kommt es, daß man auch keinen einzigen Juden in Polen und Rußland findet, der in der Familie die stavische Sprache gemengt mit hebräischen Ausdrücken, wie dies beim jüdisch-deutschen Dialekte und noch heute in der Türkei in den Familien, die aus Spanien eingewandert, mit der Anwendung der spanischen Sprache in Familienkreisen geschieht, sich bediente? Unstreitig haben die eingewanderten deutschen Juden hie und da stavische Wörter ausgenommen, denn da die ursprüngliche Sprache nicht kultivirt wurde, so fehlten mit der Zeit Ausdrücke, die nothwendiger Weise aus der Sprache des Volkes, unter welchem sie lebten, ersetzt werden nmßten; und. so kommt es, daß die Juden, die näher zu Deutschland wohnen, und mehr mit Deutschen in Berührung kommen, weniger slavische Wörter im jüdischdeutschen Dialekte ausgenommen, während die im Innern Rußlands schon so'vieler Wörter aus den slavischen Dialekten sich bedienen, daß man im ersten Augenblicke zweifeln darf, ob sie früher deutsch oder slavisch gesprochen haben. Sehr interessant stellt nun Hr^Harkavy die wenigen zerstreuten Dokumente aus älteren Zeiten, wo über russische oder slavische Juden gesprochen wird, zusammen; er spricht (S. 16) von den jüdisch-polnischen Münzen/ gefunden durch Becker, Bibliothekar in Dresden, und worauf man liest Vnp apö» und bnp tnDsrb „Mischko und Lischko König von Polen", unter welchen Mczislas III. und Lech V. gemeint sind, also 1177 — 1220; ob nun die Juden das Münzamt in Händen hatten, oder ob dies nur Gedenkmünzen für erhaltene Privilegien sind, muß dahin gestellt bleiben. ' Hr. Harkavy spricht sich darüber nicht aus und verweist auf die