Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1866)
- Date
- 1866-04-17
- Page
- Seite 251 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Correspondenz. Paris, im März. Äebrr die aramäischr Literatur. Einleitung des Herrn S. Munk in den Cursus der hebräischen, chaldäischen und syrischen Sprache im College de France. Aus der Revue Orientale. Man darf nicht erwarten, in dem Chaldäischen, oder im Syrischen Schöpfungen der Phantasie und der Kunst zu finden, auch nicht dem Zauber zu begegnen, welchen die Werke eines hohen Allerthums immer ausüben. Die chaldäische Literatur ist ganz jüdisch; die syrische Litera- .ratur ist ganz christlich. Die erstere, wenn wir einige Capitel der Bücher Esra und Daniel ausnehmen, geht höchstens bis zum Anfang der christlichen Aera zurück; die andere ist noch jünger; sie beginnt, sagt man, im zweiten Jahrhundert, mit der Uebersetzung des Neuen Testaments. Beide find für die hebräische Philologie und die biblische Exegese wichtig; die syrische Literatur besonders interessirt die Kirchengeschichte der ersten Jahrhunderte, abgesehen von dem Interesse, welches sie im Mittelalter durch die Uebersetzungen der wissenschaftlichen Werke des Aristoteles darbietet. Die Sprachen, welche wir chaldäische und syrische nennen, sind nur zwei, von einander wenig unterschiedene Dialekte einer und derselben Sprache, die ehemals in einem großen Theile des westlichen Asiens gesprochen wurde, nämlich in allen Ländern, die sich 'in der Länge von Westen nach Osten, vom Tigris bis zu Kleinasien und dem Mittelmeere ausdehnen, mit Ausnahme Phöniziens und Palästina's; und in der Breite, von Süden bis Norden, von dem Persischen und Arabischen Meerbusen bis zur Tauruskette. Deutlich gesagt: es ist die Sprache, die man in Babylonien, in Mesopotamien und in Syrien sprach. Alle diese Länder sind in der Bibel mit dem gemeinschaftlichen Namen Aram bezeichnet; es es wird dort Aram Dammesek (Damaskus), Aram Maachah, Aram-Beth-Rehüb, Aram Sobah, (ein mächtiges Reich zur Zeit Davids, dessen geographische Lage man nicht mit Bestimmtheit angeben kann), endlich Aram Nahara'im (das Aram der beiden Flüsse, oder Mesopotamien) erwähnt. Auch finden sich in den Poesien Homers und Hesiods Spuren des Namens Aram, wenn es wahr ist, wie schon Strabo voraussetzt, daß die 251 dieser Schriftsteller mit den Syrern oder deck Aramäern identisch sind. Die Sprache aller dieser Völker wird in der Bibel aramith oder aramäisch genannt. Der Ursprung dieser Sprache, eines der Zweige des semitischen Stammes', rverliert sich in dem Dunkel der Zeiten. Nach einer bei den Muselmännern verbreiteten Ueberlieferung hätte schon Adam diese Sprache gesprochen, und wir finden auch bei einigen Talmudgelehrten Spuren dieser Tradition. 1) Aber die alten Rabbinen im Allgemeinen nehmen das älteste Datum für die hebräische Sprache in Anspruch, welche allein, wie sie sagen, mit den, in den ersten Capiteln der Genesis angeführten Ethnologien übereinstimmt, wo wir z. B. lesen, daß der Mensch, Adam, seinen Namen von Adama (die Erde oder der Erdboden) hätte, und daß die Frau Ischa genannt wurde, weil sie aus einer der Seiten des Mannes, l8ch, gebildet worden. Diese letztere Ableitung, fügen die Rabbinen hinzu, hätte weder in der aramäischen Sprache, wo man vou dem Worte gebar (vir) kein Feminimum gabra bildet, noch in der griechischen Sprache abgeleitet werden können, wo man nicht das Feminimum von avrjQ oder von av&QWTiog bildet, und wo man kein Masculinum von ywrj hat. Diese etymologische Bemerkung kann ziemlich kindisch erscheinen; denn es giebt noch andere Sprachen, in denen die Wörter Mann und Frau von derselben Wurzel abgeleitet werden; so z. B. im Arabischen heißt der Mann al-marvn und die Frau al-maraton; im Sanscrit bedeutet Nri oder Nara Mann und Nari Frau. Doch lassen wir die Traditionen und Etymologien, so wie die müßige Frage über die Stammsprache bei Seite. Die erste historische Spur der aramäischen Sprache findet sich in der Geschichte Jacobs. Als dieser Patriarch, so sagt die Genesis (Cap. XXXI), sich aus dem Hause Labans geflüchtet hatte, holte ihn sein Schwiegervater, der ihn verfolgte, auf der Grenze Palästina's ein; der wiederversöhnte Schwiegervater und Schwiegersohn richteten' als Zeichen ihrer Vereinigung einen Haufen Steine auf, welchen Laban (auf aramäisch) Yegar-Sahadutha und Jakob (in hebräisch) Gal-ed, d. h. „Zeugnißhaufen", nannte. Laban, Sohn Bethuel's, war der Enkel Nachor's, des Bruders von Abraham. Jacob selbst wird noch Aramäer genannt; in den Opferhandlungen, diebeim Ueberreichen der Erstlingsfrüchte vorgeschrieben sind, 1) Babylon. Talmud, Traktat Sanhedrin. Fol. 38b. 16»