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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1866-04-10 · Heft 15 (10.4.1866) · p. Seite 235

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
30 (1866)
Issue
Heft 15 (10.4.1866)
Date
1866-04-10
Page
Seite 235 (sequence 11)
Language
German
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m hat man Verachtung, und wo diese ist, wo sie durch das Gesetz gewissermaßen aufrecht erhalten wird , da wird immer im selben Menschen eine gewisse Scheu und ein gewisses Fernhalten von dem Geächteten sich kundgeben; was übrigens ein psychologisch begründeter Zug der stolzen Menschennatur ist. Darum muß der Staat vor allem den Juden als gleichberechtigten Menschen erklären. Die christliche Bevölkerung wird dann im freien Juden allmählig auch seine Menschenwürde zu achten, dadurch ihm sich zu nähern und am Ende mit ihm gesellig zu leben sich gewöhnen. Aber auch der Jude wird als gleichgestellter Bürger für Cultur und Civilisation empfänglicher sein. Der Unterdrückte strebt in der Regel zuerst nach dem Besitze der persönlichen Freiheit, mit dieser erwacht in ihm auch der Sinn und das Bedürfniß für des Lebens höhere Güter. Dann werden auch, dessen kann der Schreiber in der Sonst. Oest. Zeitung versichert sein, die galizischen Juden ihre sie unterscheidende Tracht mit der civilisirten Umtauschen; denn, wie aus der Erzählung bekannt, hat nicht der Sturm, sondern „die Sonne" den Wanderer zum Ablegen des Mantels gezwungen! Und der oft erwähnte Verfasser selbst schließt seinen zweiten Artikel in der Sonst. Oest. Zeitung mit den Worten: „Der Ackerbauer wird sich leichter bewegen lassen, die Strenge der Sabbathfeier aufzugeben." — Möglich! aber dem Juden muß früher das Recht des Grundbesitzes gegeben werden! A. E. Rußland. Petersburg, Anfang März. (Privatmitth.) Nicht ohne allgemeines Interesse dürfte die Nachricht sein, daß es den Israeliten, in der kurzen Zeit, seit ihnen der freie Aufenthalt in der Residenz des russischen Kaiserreiches gestattet worden, gelungen ist, eine, allen Anforderungen der Zeit entsprechende Schule zu gründen. Um die Größe dieses Erfolges ermessen zu können, muß man in unsere hiesigen Verhältnisse genau eingeweiht sein. Bis zum Jahre 1862 bestand hier, wie es Ihnen, geehrtester Herr Redacteur, gewiß bekannt sein wird, eine Soldatengemeinde, zu deren Mitgliedern nur im activen Dienst stehende, und wenige ausgediente Soldaten zählten, denen man das Aufenthaltsrecht als besondere Begünstigung ertheilt hatte. Außer diesen ehrlichen, aber durchgängig im Urzustände der Civilisation sich befindenden Leuten, und einigen wenigen jüdischen Aerzten und Studirenden — die sich, beiläufig gesagt, durch einen unglaublichen Jndifferentismus auszeichneten — waren noch einige reiche Podrätschiks und Kaufleute erster Gilde, deren Geschäfte es erheischten, zeitweilige Bewohner der Residenz. Unter solchen Umständen war die größte Aufopferung, die treueste Hingebung von Nöthen, um aus dieser heterogenen Masse ein einiges Ganzes, eine wohlgeordnete Gemeinde zu schaffen. Aber, Gott sei Dank, es fanden sich Männer, die das Gemeinwohl höher achteten als ihr Privatinteresse, die dem ersteren mit der größten Bereitwilligkeit Zeit und Geld opferten, bis sie ihr Streben endlich vom Erfolge gekrönt sahen. Nachdem sie die Berufung des hochgeachteten Herrn Dr. Neumann zum hiesigen Rabbiner, und somit die Consütuirung aller in P. lebenden Israeliten zu einer Gemeinde de facto durchgesetzt, war auf ihr und des Herrn Dr. N. dringendes Anrathen, die Gründung einer Schule eine der ersten Sorgen der jungen Gemeinde. Freilich mancher Stein des Anstoßes mußte aus dem Wege geräumt, mancher Kampf durchgekämpft werden, ehe dieses segensreiche'Vorhaben sich realisiren konnte. Es bedarf wohl keiner Erwähnung, daß die Herren Günzburg, Vater und Sohn, in dieser schweren Zeit unserer jungen Gemeinde eine feste Stütze waren, und es ist mehr als fraglich, ob ohne ihre Theilnahme das verhältnißmäßig so rasche und glückliche Zustandekommen der Schule möglich gewesen wäre. Den Namen Günzburg tragen alle unsere Gemeindeinstitutionen an der Spitze, diese Herren sind der Focus , um den sich unsere Thätigkeit concentrirt. Durch reiche Dotationen an Gemeinde und Schule; durch zahlreiche Stipendien für Studirende mos. Confession auf der hiesigen Universität, der medico-chirurgischen Academie unddem technologischen Institute; durch freigebige Unterstützungen jüdischer Gelehrten, haben sie so unendlich viel für die Hebung der Bildung und der geistigen Wohlfahrt unter ihren Glaubensgenossen gethan,— daß sie den Dank Aller, die nur für Juden und Judenthum ein warmes Herz haben, verdienen. Aber es darf hier auch nicht ein Mann mit Stillschweigen übergangen werden, der den thätigsten An- 15*

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