Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1866)
- Date
- 1866-04-10
- Page
- Seite 234 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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' Die Verlegung des jüdischen Sabbat auf den Sonntag betrachtet der judenfreundlich sein wollende Verfasser jener Aufsätze als Conditio sine qua non einer völligen Gleichstellung der Juden, weil nach der Ansicht dieses neuen volkswirtschaftlichen Forschers, „im Sabbat am Sonnabend," die Ursache des Verfalles des Handels, der landwirthschaftlichen Interessen und „auch der Sitten" liegt! — Dem gedachten Verfasser erscheint 'die jüdische Sabbatfeier als ein mißlicher „Gebrauch"; er könnte nach dieser originellen Auffassung der religiösen Satzungen der Israeliten auch die Abschaffung aller jüdischen Feiertage verlangen, unter denen insbesondere das Osterfest dem Handel am schädlichsten ist, weil da die Israeliten während 8 Tage keinen Handel in zum Genüße verbotenen Artikeln betreiben dürfen, wodurch die commerziellen Verhältnisse entsetzlich' viel leiden! Es ist durchaus nicht unsere Absicht, hier dem Schreiber in der „Sonst. Oesterr. Zeitung" auf alles, was er gegen den „Gebrauch" des jüdischen Sabbat und gegen, alle schädlichen Mißbräuche der Juden verbrachte, genau zu erwidern; alle diese von ihm dargestellten für das Physische und moralische Heil der Welt als gefährlich bezeichnten Folgen, die durch diese jüdischen Mißbräuche und durch das Judenthum überhaupt entstanden sein sollen,-wurden schon früher von so manchem Judenfeinde auf's Tapet gebracht, deren Richtigkeit aber stets siegreich bekämpft worden ist. Wenn wir dennoch die gedachten Aufsätze in der „Const. Oest. Zeitung" hier einer kurzen Besprechung unterziehen, geschieht es, weil der zweite Aufsatz vom 19. d. M. einiges über die im galizischen Judenthume in der That obwaltenden Mißstände enthält, deren Be- ' stehen jedoch der gedachte Verfasser mit Unrecht blos den Vorurtheilen der Juden zuschreibt, wie er bezüglich der anzuwendenden Mittel zur Beseitigung dieser Uebelstände auf falschem, unpraktischem Wege sich befindet. Aus der ganzen Auseinandersetzung des gedachten zweiten Artikels in der „Const. Oest. Zeitung" ist die an sich gegründete Behauptung zu entnehmen: daß mit der Gleichstellung der Juden vor dem Gesetze dieselben noch lange nicht ihre sogenannte soziale Emancipation — die Verbrüderung mit den Christen — erreicht haben würden. Das ist unstreitig wahr! Doch wir fragen: worauf beruht diese traurige Wahrheit? Soll denn wirklich, wie es in der „Const. Oest. Zeitung" behauptet wird, einzig und allein die den galizischen Juden unterscheidende Tracht der Grund seiner obskuren Stellung, seiner bürgerlichen .Hintansetzung in der Gesellschaft sein? — Da können wir Hunderte jüdischer Familien in Galizien anführen, die ihren christlichen Mitbürgern weder in Tracht, Sitte und Bildung nachftehen, noch ihnen bezüglich der religiösen Gebräuche und Observanzen — ganz nach dem Wunsche des gedachten Verfassers — das geringste Aergerniß geben, und dennoch werden auch diese civilisirten „aufgeklärten" jüdischen' Familien eines geselligen Zusammenlebens mit Nichtjuden — wie dies in Frankreich, Belgien und auch schon in Deutschland stattfindet — hier in Galizien nicht für würdig gehalten! — So sehr wir auch die noch herrschende Unsitte der exclusiven Tracht des größten Theils der hierländischen jüdischen Bevölkerung tief bedauern, können wir gleichwohl keinesweges nur die Juden allein für die bis nun nicht stattgehabte Assimilirung derselben mit den Christen verantwortlich machen. Der als „nicht ebenbürtig geltende" Jude kann und soll sich .der christlichen Gesellschaft nicht aufdrängen! Und lange noch muß er warten bis ihm diese bei uns hier freundlich entgegenkommt. Die sociale Emancipation der Juden, wie die eines jeden unterdrückten Volkes ist, wie historisch begründet, eine Errungenschaft der reifen Cultur und des liberalen vorurtheilsfreien Denkens jener Nationen, in deren Mitte Pas unterdrückte Volk lebt! Und ist es eben ein betrübendes Zeugniß von der Culturstufe unseres so vornehm sich „spreizenden, von Aufklärung und Civilisation prahlenden neunzehnten Jahrhunderts, daß jetzt mitten in Europa, in Böhmen, grauenvolle Judenverfolgungen, gleich den jüngsten in Marokko, zum Hohne der Civilisation und der. „christlichen Liebe" stattfinden! „Und tragen doch die Juden in Böhmen keine sie unterscheidende Kleidung!!!" — Wie aber kann der Judenhaß beseitigt werden? Auf welche Weise kann die wünschenswerthe Assimilirung zwischen Christ und Jude herbeigeführt werden? — Allerdings einestheils durch zeitgemäße Reformen der Sitten des Letztgenannten; aber lange nicht mit dem allein! Vor allem muß der Jude vom Staate als Bürger anerkannt werden. Der socialen Emancipation muß die völlige gesetzliche Gleichstellung der Israeliten vorangehen. Der freie Mensch wird stets nur mit dem freien Mitmenschen sich gesellen; vor dem Paria, vor dem Gklavew