Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1866)
- Date
- 1866-04-10
- Page
- Seite 233 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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233 fragt er die Gegner, wie denn die Ausschließung mit dem Geiste des Christenthums vereinbar sei? Diejenigen, welche für allmälige Emannpation sprechen, fragt er, ob denn für die allmälige Entwicklung dieses Grundsatzes 1866 Jahre noch nicht ausgereicht hätten? Im Geiste der altpolnischen Gesetzgebung sei die religiöse Beschränkung niemals begründet gewesen, daher müsse er deren Einführung geradezu als antinationales Bestreben bezeichnen und bedauern, daß die hundertjährige Herrschaft der Bureaukratie so tiefe Spuren zurückgelassen habe; wir seien vom Bureaukratismus so durchdrungen, daß wir uns fürchten, einen Schritt vorwärts zu thun. Man spreche , hier viel von Autonomie; allein religiöse Beschränkungen entsprechen sicherlich den Grundsätzen der Autonomie gar nicht. Wenn wir selbst das einschränken wollen, was uns Se. Majestät verliehen, so zeigen wir, daß wir für die Autonomie noch nicht reif seien. Daher müsse Redner mit Dubs stimmen, denn er verlange nur Gleichheit vor dem Gesetze, und wenn schon Beschränkungen bestehen sollen, sei es ihm ganz gleichviel, ob den Israeliten ein Drittel, die Hälfte oder, selbst zwei Drittel zugestanden werden. Der Antrag Dubs gewinnt außer den drei israelitischen Abgeordneten nur etwa 20 Stimmen, sämmtlich der polnischen Intelligenz angehörig ldarunter Smolka), für sich; der erste Anttag Landesberger außerdem noch einige Stimmen des Adels (darunter Fürst Sanguszko und Graf Goluchowski). Bezüglich des zweiten Antrages desselben war die Majorität einen Augenblick zweifelhaft; doch entschied alsbald die Rechte (Ruthenen und masurische Bauern), nebst einigen polnischen Sttmmen gegen denselben, und so blieb der §. 16 ganz unverändert. Noch einmal erhoben Landesberger und Wenzyk ihre Stimme gegen den §. 35, welcher in dem letzten Alinea bestimmt, daß zum Gemeindevorsteher oder dessen Stellvertreter nur ein Christ gewählt werden könne, und weist Crsterer darauf hin, daß schon das Josephinische Toleranz-Patent den Israeliten diese Fähigkeit ausdrücklich zugestanden habe; allein auch diese Stimme verhallte fruchtlos. Zu bemerken ist noch, daß die Ehre der Einführung neuer religiöser Beschränkungen lediglich unserem Landtage gebührt; die ursprüngliche Regierungsvorlage enthielt gar nichts davon. Cssegg, 10. März. (Privatmitth.) Daß es im Ungarlande um die Toleranz doch nicht so schlimm steht, wie manche Blätter es glaubhaft machen wollen, welche die Kundgebungen unseres Landtages betreffs der Gleichstellung weit über die allgemeine Volksstimmung hinausgehend ausgeben, dafür gestatten Sie mir nur ein Beispiel anzuführen. Am 7. dieses veranstaltete der hies. israelitische Frauenverein eine musikalisch-deklamatorische Akademie zum Besten seiner Kasse. Die Leistungen dieser Akademie waren ausgezeichnet und erwarben sich allgemeinen Beifall. Es wirkten aber an ihr noch mehr Christen als Juden mit, und zwar sämmtlich z. B. auch die Schauspieler ohne Honorar, Llos um des guten Zweckes willen. Ebenso bestanden die Besucher derselben nicht minder aus Christen und dem hohen Adel als 'aus Juden, und den starken Besuch erweist der Ertrag von 440 Fl. M. L. Krakau, 26. März. (Privatmitth.) Die „Constitutionelle Österreichische Zeitung" und die Emancipation der Juden! Die in der „Sonst. Oesterr. Zeitung" vom 12. und 19. d. M. erschienenen zwei Aufsätze : „die wirthschaftlichen Bedingungen der Cmancipation der Juden" haben hier eine Auslegung gefunden, daß der Schreiber jener Aufsätze, ttotz seines anscheinenden Wohlwollens für die Sache der Juden, in seinen Auseinandersetzungen sich der bekannten, nur Diplomaten von Beruf zum Vorzüge gereichenden Kunst „der Gedankenverhüllung mittelst der Sprache", bediente. Diese Deutung scheint auch nicht unbegründet zu sein, wenn man das Vorgehen des betreffenden Verfassers beobachtet.' Eine wahrhaft verlockend tönende Sirenenstimme singt uns im Eingänge des ersten Aufsatzes in der „Sonst, österr. Zeitung" eine rührende Elegie über die frevelhaften Judenverfolgungen; mit von Humanität und Toleranz durchtränkten, und überschäumenden Worten wird da im Beginne des Artikels für die völlige Emancipation der Juden im Interesse des Handels und des geistigen Aufschwunges plaidirt — und bei all dieser schönen Begeisterung für die Aufhebung der Rechtsbeschränkungen dieser Nation, wird derselben nur zu bald noch im selben Artikel keine geringere Bedingung zur Erlangung ihrer lange vorenthaltenen Menschenrechte gestellt, als, daß sie „diese Natton zu sein aufhören," daß der Jude doch „kein Jude, kein Jsraelite mehr sein möge!!!" — 15