Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1866-04-10 · Heft 15 (10.4.1866) · p. Seite 227

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
30 (1866)
Issue
Heft 15 (10.4.1866)
Date
1866-04-10
Page
Seite 227 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3226527-3226543--23868-3251194
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

22? /jüdischen Nagekhändler geschah. Uber dies war eben nur die erste Handhabe derer, welche hinter der Scene standen. Denn sehr bald dehnten sich die Plünderungen auch auf ganz andere Kreise aus, und wurden von Personen verübt, die mit den gemißhandelten Juden in gar keiner Verbindung standen. Die gesammten Austritte können daher^, durchaus nicht aus socialen Momenten hergeleitet werden.*) Die Plünderer und Räuber gehörten selbstverständlich den ärmeren Elasten an, die Geplünderten' durchaus nicht allein den reichen, selbst nicht einmal immer den bemittelten. In dem ganzen Verfahren zeigte sich übrigens bald eine gewisse Planmäßigkeit; das Verfahren war überall dasselbe, die handelnden Personen zum großen Theil dieselben; bandenweise rückte man von Ort Zu Ort, und wurden die Rotten einige Male von den Bewohnern des betreffenden Ortes zurückgeschlagen. Uebrigens fanden im Ganzen weniger Mißhandlungen der Personen als des Eigenthun!s statt, und es war am meisten auf Lärmen, aufrührerisches Treiben und revolutionären Schrecken abgesehen. Hierdurch verlieren diese Vorgänge in Böhmen alle Unmittelbarkeit des Judenhasses oder etwa eines Mißverhaltens zwischen der jüdischen und christlichen Bevölkerung, sondern die Anstiftung und der national-politische Zweck als Kern der ganzen Sache sind unläugbar **) Allein es lag ihr, wie kein gesunder, so auch nicht einmal ein schlauer Gedanke zu Grunde; die Anstifter haben ebenso die Wucht der czechischen Leidenschaft zu groß, wie den Ernst und die Kraft der Regierung zu gering angeschlagen. Die Funken, die man entzündete, fanden nicht Stoff genug, um zur Flamme aufzuschlagen, und die Regierung mußte schnell inne werden, daß es hier gelte, eine Gefahr für sie selbst im Keime zu ersticken. Die politische Krise ver- *) So haben z. B. die Fabrikarbeiter in Schüttenhofen eine „musterhafte Haltung" beobachtet und sich an dem.Krawalle in keiner Weise betheiligt. **) Ein Jeder wird schon voraussetzen, daß die czechische Partei selbst, namentlich die Journale derselben dies von vornherein in Abrede zu stellen und Alles auf den Judenhaß des Volkes, und zwar aus socialen Ursachen zu schieben sich bemüheten. Die Juden sollten ihres Reichthums wegen gehaßt und des von ihnen ausgeübten Druckes wegen verabscheut worden sein. Allein alle Tatsachen strafen sie Lügen. Denn selbst schon in Hostomitz giebt es auch christliche Nagelhändler und gerade unter diesen solche, welche wegen Härte und durch ihr feindseliges Auftreten gegen die Nagelschmiede-Association sich besonderen Haß zugezogen haben. Diese blieben aber ganz unbehelligt, weil sie — Czechen sind. anlaßte gerade eine Verstärkung der Militärmacht in Böhmen und so kam die Sache zum Ende. Die Fühler, welche die Czechen mit diesen Angriffen auf die Juden ausgestreckt, haben ihnen gezeigt, daß sie ohnmächtig sind. — Fügen wir zur Erhärtung dieses noch einige Einzelheiten hinzu. Schon inHostomitz, Beraun undHorowitz war es eine wohlorganisirte Bande von Auswärtigen, welche dahin kamen, die Nagelschmiede durch Trinken aufregten und hetzten und dann aus der Plünderung den meisten Nutzen zogen. Der Schaden, welcher den Herren Brunner und Löwy verursacht wurde, wird .auf wenigstens 50,000 fl. geschätzt. Der eigentliche Schaden fiel aber doch nur wieder aus die Nagelschmiede zurück, da sie brodloS wurden, indem alle Nagelhändler/ jüdische wie christliche, sich von dort zurückgezogen haben. Aus Beraun zog die Bande nach Tn aim, wo der Gemeindevorsteher und die Insassen den Plünderungen unthätig zusaben; von da ging es nach Suchomost, wo aber Gemeindevorsteher und Insassen die Uebelthäter vertrieben. Bei allen diesen Vorgängen spielten die Erpressungen eine große Rolle; man fing Juden auf und zwang sie, sich durch 200 fl. und mehr oder weniger, nach Verhältniß der Personen, loszukaufen; und dies auf offener Straße, ganz nach Art der italienischen Briganten. Es kam vor, daß sich Juden eine czechische Schutzwache erkauften; rückte dann aber der Pöbelhaufe heran, so fraternisirte jene mit ihm, half ihm beim Plündern und theilte den Raub, bei welcher Theilnng es jedoch nicht selten zu argen.Prügeleien unter den Excedenten selbst kam. Am schlimmsten ging es am 12. März in Schüttenhofen zu, wo die Gensdarmerie und Finanzwache übelzugerichtet und verjagt wurden, und es dann an die Plünderung vieler Judenhäuser ging. Einem Herrn F. allein wurde ein Schaden von mehr als 20,000 fl. zugefügt. Die Eisen- und Spezereiwaaren wurden auf zwei vollgeladenenWagen fortgeführt. Die Möbel, welche die Plünderer nicht gleich fortbring'en konnten, haben sie zertrümmert, alles bare Geld und die Wechsel aus den erbrochenen Schränken genommen. Eine Menge preußischer Thalerscheine, von denen die.Plünderer wahrscheinlich nicht wußten, daß es Banknoten sind, zerrissen sie. Zu gleicher Zeit gingen ähnliche Excesse in den benachbarten Ortschaften, in Hartmanitz, Hradek, Welhartiz und Kollinetz vor; allenthalben tönten dieselben Signalworte, überall sendete man die mit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.