Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1866)
- Date
- 1866-04-10
- Page
- Seite 226 (sequence 2)
- Language
- German
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226 wesen. In der Natur der Sache liegt es aber, daß Nehmen, wenn sich ein gewisser Plan, eine Ordnung und Organisation in den stattgefundenen Excessen verspüren laßen und andere Momente klar dafür sprechen. Welchen Charakter haben nun die jüngsten Vorgänge in Böhmen? Sind sie zufällig, aus persönlichen oder lokalen Umständen entsprungen, so daß sie mit allgemeinen Verhältnissen und Momenten nichts gemein haben, oder nicht? Wir brauchen dem Leser nicht erst eine Schilderung der gegenwärtigen Bewegungen im österreichischen Kaiserstaate fcu geben, nicht auf den Kampf der Nationalitäten, namentlich auf den Kampf der Czechen gegen die Deutschen in Böhmen einzugehen, und wie unter dein augenblicklichen Regime sich die Ansprüche der Czechen und deren Aufregung erhöht haben, auch wie in Prag selbst z. B. in der Universitätsfrage die Erbitterung gegen die ihre Rechte verteidigenden Deutschen bis zu Thätlichkeiten und Ruhestörungen sich gesteigert hat. Wir können dieses Alles als bekannt voraussetzen, sowie auch, daß anfänglich die vielen czechischen Organe der Regierung im energischen Entgegentreten gegen solche Ausschreitungen der czechischen Partei sich nicht sehr beeilt zeigten, ein Umstand, auf welchen bei Pöbelauftritten stets ein großes Gewicht gelegt. werden muß, weil die Voraussetzung, daß gewissermaßen durch die Finger gesehen und die gesetzliche Verfolgung und Bestrafung nur eine sehr leichte sein werde, den Pöbel um so frecher und gewaltthätiger macht. Es versteht sich, daß. dies nur eine sehr kurze Zeit dauern konnte, und daß die Regierung sehr bald mit der nothwendigen Kraft auftreten mußte, und aufgetreten ist. Mitten in diesen unläugbaren Thatsachen können die Excesse gegen die Juden in Böhmen durchaus nicht als isolirtes Ereigniß angesehen werden. In allen den Ländern, wo Deutsche und Slaven vermischt leben und um die Obherrschaft in der Gesellschaft streiten, werden die Juden von den Slaven zu den Deutschen gerechnet, theils weil diese.flavische Bevölkerung in ihrer eigenthümlichen Stellung völlig exclusiv ist und für fremd erachtet, was nicht ganz sie ist, theils weil die dortigen Juden, ursprünglich aus Deutschland gekommen, in ihren Familien die deutsche Sprache bewahrt haben, dadurch mehr oder weniger mit deutscher Bildung und deutschem Wesen Zusammenhängen. In jener exclusiven Nationalität sind denn auch die Slaven wenig geeignet, die ' unter ihnen Wohnenden fremden Ursprunges sich zu amal-, gamiren. Sie wollen dies entweder gar nicht, , oder verlangen es gebieterisch auf die plötzlichste Weise, nach- -dem sie Jahrhunderte lang abstoßend und feindlich gejebe nationale Vermischung nur' das Produkt einer langen Zeitperiode, einer gerechten und milden Behandlung und einer eigenen fortschreitenden Entwicklung sein kann. Aus diesem Gesichtspunkte wird man begreifen, daß innerhalb der bekannten Zustände die Excesse gegen die Juden theils Vorläufer, theils Ausbrüche des Kampfes der Czechen gegen die Deutschen waren. Es ist dies von allen Seiten constatirt, und wir führen zum Beweise für zukünftige Zeiten aus 'einem Artikel aus der „Köln. Zeit.", einem Blatte, das wahrlich sich niemals bemüht, den nackten Judenhaß, wo . er austritt, zu verkleiden, in der Nr. vom 28. März an, wo es heißt: Aus dem Königreich Sachsen, 25. März. Die Unruhen im nahen Königreich Böhmen, die zwar augenblicklich durch Waffengewalt niedergehalten werden, deren Zündstoff aber nach glaubhafter Angabe noch lange nicht erstickt sein soll, äußern schon jetzt einen sehr hemmenden Einfluß auf den sächsisch-böhmischen Grenzhandel. Viele Händler aus Sachsen,, welche stets die böhmischen Jahrmärkte besuchten, haben sich nur mit Mühe flüchten können und versichern einstimmig, daß in allen rein czechischen Districten eine solche Gährung unter dem Landvolke und ein so großer Deutschenhaß herrsche, daß ein Deutscher seines Eigenthums, ja, selbst seines Lebens nicht mehr sicher sei und daher am klügsten thue, solche zu meiden. Unter diesen Umständen suchen die sächsischen Fabrikanten und Handlungshäuser ihre kaufmännischen Geschäfte nach Böhmen möglichst einzuschränken und sind besonders vorsichtig im Creditgeben dahin geworden." Hierfür sprechen auch Thatsachen genug, denn die Uebelthäter wandten sich überall nicht weniger gegen die deutschen Beamten und Rathhäuser, ja an einigen Orten, wie in Pilsen gegen die Deutschen überhaupt, und die czechischen Mittelklassen sahen den Plünderungen ruhig zu,- weil sie wußten, daß sie selbst hiervon nichts zu befürchten hätten. — Man hat anfänglich sociale Uebelstände als Ursachen vorgeschoben. An einigen Orten sind die Nagelschmiede, durch die Fabrik verdrängt, nach und nach zu unselbständigen Arbeitern herabgekommen, und unter schlimmen Conjuncturen in ihren Löhnen sehr gedrückt worden. Es ist dies für die Personen sehr zu beklagen, aber die Schuld liegt nicht an Persönlichkeiten, sondern in der unaufhaltsamen Entwickelung der Industrie; die Nagelschmiede sind nicht das einzige Gewerk, das hiervon betroffen worden. Es ist nun wahr, daß der erste Austritt von Nagelschmieden gegen einen