Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1866)
- Date
- 1866-04-03
- Page
- Seite 211 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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jedes Begründers. eines neuen Gottesdienstes begegnen wir. Aber je weiter wir zurückgehen, desto unbeholfener werden wir auch die Sprache beim Ausdruck dessen finden , was von alley Dingen am allerschwersten auszudrücken war." Daraus erklären sich die vielen Umschreibungen für die Gottheit und die aus diesen zahlreichen Umschreibungen und Namen entstehenden Mythen und mythologischen Figuren. „Worte und Gedanken gehen hier, wie überall, nebeneinander hin, und von einem gewissen Gesichtspunkte aus würde eine wahre Religionsgeschichte weder mehr noch weniger sein, als ein Bericht über die verschiedenen Versuche, das Unaussprechliche auszusprechen." Als älteste, allen arischen (indo-europäischen) Völkern gemeinsame Gottheit findet Müller den griechischen Zeus, dieselbe Gottheit, welche im Altindischen als Dyu, im Lateinischen als Jovis oder Jovpater, Jupiter, im Angelsächsischen als Tiu, im Althochdeutschen als Zio wiederkehrt. „Dies. Wort wurde einmal gebildet, und eben nur einmal; die Griechen entlehnten es nicht von den Hindu und die Römer und Deutschen nicht von den Griechen. Es muß schon vorhanden gewesen sein, ehe die Vorfahren jener uralten Völkerracen in Sprache und Religion sich sonderten, ehe sie ihre gemeinsamen Wohnplätze verließen, um in verschiedenen Richtungen weiter^ zu wandern, ehe sich ihre Schafhürden in die Mauern volkreicher Städte verwandelten." Dieser Dyu „der Strahlende, der Himmelsgott" ist in den ältesten Veden der i Schöpfer und Vater der Welt; während er aber bei den; Indern allmählich seinem Sohne Indra wich, blieb dem; griechischen Zeus und dem römischen Jupiter wenigstens! die erste Stelle unter den Göttern. Aber bedeutet Dyu! auch speziell den Himmel, so waren die Väter der ari-; scheu Religion sich doch völlig bewußt, daß sie damit1 inehr als den Hinunel meinten. Der hohe und glanzvolle; Himmel ist in vielen Sprachen und vielen Religionen als der Wohnsitz Gottes angesehen, worden, und der Name des Wohnsitzes konnte leicht auf Den übertragen werden,' der im Himmel thront." Himmel oder Himmelserscheinungen find im Chinesischen, Tatarischen, Mongolischen, Finnischen, Litthauischen und selbst in den Sprachen des modernen Westeuropa identisch mit Gottheit im Allge-. meinen. „So haben diejenigen, welche ursprünglich einen; solchen Stamm wählten, diesen Namen von einem, ihren leiblichen Augen sichtbaren Gegenstände auf einen anderen j Ggenstand übertragen, welcher mit einem anderen Organ ' der Erkenntniß, mit dem geistigen Auge, erfaßt wurde. Diej jenigen, welche zuerst Gott Himmel nannten, fühlten etwas in sich, das sie zu benennen wünschten — das sich in ihnen gestaltende Bild Gottes. Diejenigen, welche in späterer Zeit Gott Himmel nannten, hatten vergessen,, daß sie vom Himmal etwas aussagten, das höher, erhabener ist, als der Himmel." Nun geht Müller im Einzelnen durch, wie durch die ganze griechische Literatur die Anschauungen von Zeus als höchstem Weltgeist und dann als mythologischer Figur neben einander herlaufen, und erklärt zugleich hie Zeusmythen etymologisch und poetisch. Selbst in der biblischen Poesie i Psalm 18, V. 7 — 16; vermischen sich bisweilen die Anschauungen von Gott und Himmel.*) Es scheint Müller sogar sehr glaublich, daß dyu „Licht/, ursprünglich sich in die beiden Bedeutungen „Gott" und „Hinunel" gespalten habe, unddaß die Vermengung beider. verschiedener Begriffe dann später durch die Gleichheit der Bezeichnung zugleich mancher Eigenschaften beider Begriffe herbeigeführt fei. — Nachdem er nun die Geschichte des Wortes dyn bei den Indern weiter vexfolgt' hat, geht er zu den Germanen über. Auch diese hielten den ersten Menschen „Man" für einen Sohn des Lichtgottes Tiu und der Erde. So gaben sie gleichfalls jenem Gefühle Ausdruck, „dein wir bei den arischen Völkern immer wieder begegnen, daß der Mensch sich. seiner Abstammung von den: Himmel und der Erde bewußt ist, daß er die Verwandtschaft mit einem-himmlischen Vater beansprucht, obgleich er eben so klar erkennt, daß er aus dem Staube der Erde geboren und gebildet ist."; ■ So weit Müller. In einem späteren Artikel werden wir darauf aufmerksam machen, wie auch den Phönikiern und Syriern ursprünglich der Begriff einer, einheitlichen Gottheit, vorgeschwebt hat, die sich nur allmählich in verschiedene Personen trennte. Aber das erkennen wir doch schon aus Müller's Ausführungen mit Gewißheit: eine bestimmte, klare, deutliche Anschauung von der. einheitlichen Gottheit besaßen die alten Völker niemals; die Unsicherheit der Bezeichnung, die überall früher oder später eintretende Verwischung und Auseinanderzerrung *) Dem ist, durchaus nicht so. So anthropomorphistisch-poetisch die angeführte Psalmstelle auch ist, so findet doch auch nicht im Entferntesten ' eine Vermischung von Gott und Himmel statt. V. 7: „er hört von seinem Palast meine Stimme", B. 10: „Er neigte den Himmel", V. 14: „im Himmel donnert der Ewige" unterscheiden doch wohl unzweideutig Gott den Weltbeherrscher vom Himmel, feinem Sitze. R edactiom . 14* ■