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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1866-04-03 · Heft 14 (3.4.1866) · p. Seite 210

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
30 (1866)
Issue
Heft 14 (3.4.1866)
Date
1866-04-03
Page
Seite 210 (sequence 2)
Language
German
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. . , . , 210 ^ottefttwgcn zu erläutern versucht; wir haben gesehen,, daß die Mythologie — wie ein krankhafter Zustand, wie ..eine Ohnmacht der Sprache — jede Seite des intellektuellen Lebens der Menschheit ergreifen kann. Nun ist es allerdings wahr, daß keine Art von Ideen dieser mythologischen Sprachstörung mehr ausgesetzt ist, als die religiösen, weil sie über die Regionen unserer Erfahrung, innerhalb derer die Sprache naturgemäß entsteht, sich! emporheben, und deshalb ihrem ganzen Wesen gemäß, in metaphorische Ausdrücke das.einkleiden müssen, „das kein Auge gesehen und kein Ohr gehöret hat, und in keines Menschen Herz gekommen ist." Deßhalb sind aber selbst die Religionen der alten Völker keineswegs nothwendigerweise und ganz und gar mythologisch. Im Gegentheil setzt eine mythologische Religion, wie ich, glaube, ■ ganz ebenso eine verständige Religion voraus, wie ein kranker'Körper einen gesunden. Ehe die Griechen den Himmel, oder die Sonne, oder den Mond Götter nennen konnten, mußten sie nothwendigerweise schon irgend eine Idee der Gottheit in sich entwickelt haben. Wir können nicht voneinem Könige Salomo sprechen, wenn wir nicht zuerst wenigstens im Allgemeinen wissen, was unter einem Könige verstanden wird; so konnten auch die Griechen nicht eher von Göttern in der Mehrzahl sprechen, als sie auf irgend eine Weise das allgemeine Prädikat „Gottheit" in sich veranschaulicht hatten. Abgötterei entsteht naturgemäß dann, wenn die Menschen sagen: „Die Sonne ist Gott", d. h. wenn sie das Prädikat „Gott/' auf etwas beziehen, das dasselbe nicht beanspruchen kann. Eine weit interessantere Aufgabe ist es nun aber, herauszufinden, was die Alten sich unter einem solchen Prädikate dachten, wenn sie die Sonne oder den Mond Götter nannten, und so lange wir nicht davon einen deutlichen Begriff haben, werden wir in das Wesen ihrer Religion nie tiefer eindringen. — Es ist mir stets aufgefallen, daß, während unzählige Bücher über die Mythologie der Griechen und Römer geschrieben worden sind, man kaum ein einziges über ihre Religion besitzt, und daß sich die meisten Menschen zu dem Wahne verleiten ließen, daß das, was wir Religion nennen, unser Vertrauen auf ein allweises, allmächtiges, ewiges Wesen, auf einen Weltherrscher, dem wir uns in andächtigem Gebete nahen, der eine Hülfe ist in den * Nöthen, die uns betroffen haben, und dessen Gegenwart wir nicht bloß in der Außenwelt, sondern auch in der warnenden Stimme in unserem Herzen fühlen, — daß alles dies der Heidenwelt unbekannt gewesen fei, und daß ihre Religion schlichtweg ans den Fabeln von Jupiter und Juno, von Apollo und Minerva, von Venus und Bacchus bestanden habe. Dies ist auch nicht so gewesen; Die Mythologie hat in das Gebiet der alten Religion hinübergegriffen, sie hat ihr zu Zeiten fast die Lebenslust geraubt, und dennoch können wir durch das üppige giftige Unkraut der mythischen Phraseologie hindurch noch, immer einen Blick auf jenen Stamm gewinnen, um welchen dasselbe wuchert, und an dem es sich hinauf windet, und wir sehen dann ein, daß es ohne diesen Stamm nicht einmal jenes Schmarotzerleben führen konnte, welches man fälschlich für eine freie und unabhängige Lebensfähigkeit gehalten hat." Jetzt wendet sich Prof. Müller zu der griechischen Religion und weist nach, wie das innerliche religiöse Leben des homerischen Zeitalters ganz verschieden sei von den Fabeln jener schillernden Götterwelt des Olymp; daß, wenn Eumaios nur Götter kennt, „welche Frevelthaten nicht lieben, sondern Gerechtigkeit ehren und billige Thaten der Menschen"; wenn der Sauhirt zu Odyffeus sagt: „iß, -und genieße das, was vorhanden ist: Gott aber wird das eine geben,' das andere versagen, was er.nur in seinem Herzen beschließt"; wenn Odysseus immer wiederholt: „die Götter wissen ja Alles"; wenn Athene zu Telemachos sagt: „alle Menschen bedürfen der Götter"; wenn Hesiod singt: „Alles sehend ist Gottes Auge und Alles bemerkend;" — daß alles dieses uns mehr offenbart von dem wirklichen Gefühle der unzähligen Millionen, unter denen die Idiome der Sprache zur Reife herangewachsen, als alle die Erzählungen von den, durch die List der Juno dem Jupiter, oder durch Mars dem Vulkan gespielten Str eichen zusammen genommen. Ja, Müller behauptet , daß, wie das lateinische, aedes im Singular einen Tempel bezeichnet, aber im Plural die Bedeutung eines gewöhnlichen Wohnhauses annimmt, auch das griechische theös' (Gott) im Plural seines heiligen und wesentlichen göttlichen Charakters, den es im Singular festhalt, entkleidet wird, und daß so das Wesen, der Gott-- heit im Grunde auch den Griechen ein einheitliches, freilich sich immer mehr trübendes, sich immer mehr verwirrendes war. Auf das Eingehen in die weitere Ausführung ^müssen wir hier verzichten. Aber nicht blos in der griechischen,, sondern auch in den anderen Religionen des Alterthums war es ebenso. „Je weiter wir zurückgehen," sagt Müller, „je schärfer wir die frühesten Keime der Religion prüfen, desto reinere Auffassungen der Gottheit, desto edlere Absichten

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