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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1866-03-27 · Heft 13 (27.3.1866) · p. Seite 193

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
30 (1866)
Issue
Heft 13 (27.3.1866)
Date
1866-03-27
Page
Seite 193 (sequence 3)
Language
German
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193 Kinder ihrer Zeiten schwinden können, ohne dem Geiste und Inhalte des Judenthums zu schaden. In Ihrem Aufsatze über die Zukunft der Religion bemerkten Sie mit Recht, daß schon in den Zeiten des Alterthums und Heidentbums eine Verneinung existirte, die bei freier Entfaltung des Geistes als Philosophie die Positivität der Vielgötterei bekämpfte, und unerwartet einen gewaltigen Kampf' hervorzurufen verstand. Denn, wie Sie richtig bemerken, je mehr das wissenschaftliche, politische Leben an Kraft und Entschiedenheit gewann, desto nachdrücklicher verlangte es von der Religion, sich seiner Entwickelung anzuschließen, nicht von den dunklen Schatten versteinter Positivität bedeckt und durchschauert zu bleiben. Dieselbe Anschauung geschichtlicher Entwicklung der Religion ist in E. Zeller's Vorträgen und Abhandlungen geschichtlichen Inhalts, welche im vorigen Jahre erschienen sind, enthalten. Gleich Ihren Resultaten der Weltgeschichte verstand es der Verfasser, anziehende Darstellungen zu gestalten, um den Leser anzuregen und durch eigene Untersuchungen eine köstliche Quintessenz'derselben zu bieten. Die Fachgelehrsamkeit entschlägt sich der Schulform und wendet sich an das gebildete Publikum, um das scheinbar Auseiuanderliegende zu einer lebendigen Einheit zu verknüpfen. Die Darstellungen gehören theils dem Gebiete der Geschichte der Philosophie, theils dem der Theologie an, und wenn wir an ihrer Hand in die historische Entwicklung des religiösen Gedankens eindringen, gewinnen wir ein Urtheil über die religiösen Fragen, welche die Welt bewegen. Nur indem wir diese als etwas geschichtlich Gewordenes auffassen, wird uns die Möglichkeit, Form und Wesen, Vergängliches und Unvergängliches zu scheiden. Mit der bloßen Aufklärung ist es nicht gethau: sie ist schon oft dagewesen und hat doch die Wiederkehr von Wahn und Aberglauben nicht verhindern können. Nur das geschichtliche Begreifen vermag den Einzelnen wahrhaft im Glauben zu bestärken und der Wiederkehr des Jrrthums einen Damm vorzuschicben. Gleich der erste Aufsatz über die Entwicklung des Monotheismus bei den Griechen zeigt uns, wie die Tendenz, den Glauben an die Vielgötterei zu überwinden, die ganze Religionsgeschichte der Griechen durchweht, indem einerseits die Vorstellungen über Zeus, als den Götterkönig und seine Weltregierung sich steigerten und läuterten, andererseits Vielgötterei und Menschenähnlichkeit ' direct bestritten wurden. Jenes war der Weg der Dichter, dieses der Weg der Philosophen, und indem beides zusammenwirkte, entstand jene geistigere Glaubensweise, welche seit Sokrates und Plato in immer weiteren Kreisen zur Religion der gebildeten Volksklassen wurde. Dadurch wurde die Annäherung des Griechenthums an das Judenthum vorbereitet, wie sie sich später besonders in - der alexandrinischen Schule darstellte. Schon die stoische Schule leitete aus der Einheit Gottes ab, daß alle Menschen ihm gegenüber gleichen Wesens seien, daß sie alle als Kinder Gottes, als Bürger eines und desselben, die ganze Menschheit umfassenden Gemeindewesens zu betrachten seien. Man lernte das Verhältniß des Menschen zur Gottheit als ein unmittelbares und innerliches betrachten, wobei man die priesterliche Vermittlung für den Verkehr des Menschen mit der Gottheit entbehren könne. In seiner Studie über Pythagoras und die Pythagorassage wird uns eine Persönlichkeit geschildert, die in ihrem Essäismus eine That des menschlichen Geistes, wenn auch als Sage, verzeichnet, der es ,sich verlohnt, auf ihren verschlungenen Pfaden nachzugehen. Vom Platonischen Staat und von dessen Philosophie weist Zeller nach, wie sie in das vorchristliche Judenthum ausgenommen, auf das beginnende Christenthum einwirkten, und schon die Lehre, daß die sichtbare Welt nur die unvollkommene Erscheinung einer unsichtbaren sei, daß der Mensch aus dem Diesseits in das Jenseits flüchten müsse, das gegenwärtige Leben als eine Vorbereitung für das zukünftige Leben benutzen solle, zeigt uns Plato an der Grenzscheide zweier Zeiten, deren größte Wirkungen erst die Zukunft erweisen sollte. Vorerst wird uns dann in: Charakterbilde Mark Aurels der Conflict gezeigt, den der Stoiker wie der Kaiser der anwachsenden Macht des Christenthums gegenüber zu bestehen hatte. Die innige Frömmigkeit, die selbstlose Ergebung in-den Willen der Gottheit, die ihn erfüllte, das tiefe Gefühl für die Eitelkeit aller menschlichen Dinge, die Sorge für fein Seelenheil, seine Menschenliebe ohne Grenzen ließen ihn seine Religionsanschauung allein Hochhalten, wogegen er dem anstrebenden Christenthum gegenüber grausam und verfolgend auftrat. Denn da dieses im römischen Reiche nur eine widergvttliche Macht sah, so mußte es ihm feindlich gegenüberstehen, weil ihm Staatswesen innig mit der Staatsreligion verwachsen war. Ihm war die Todessreudigkeit der Christen, ihr Vermeiden öffentlicher Aemter, ihr Entziehen vom Kriegsdienste und von römischer 13 *

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