Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1866)
- Date
- 1866-03-20
- Page
- Seite 181 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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gleichfalls Hilferuf erschallte, und leine halbe Kompagnie nach Jinec detachirt, wo einige Stunden vorher die Gemeinde-Insassen selbst eine Rotte von Proletariern aus der Hostomitzer Gegend mit ihren Knitteln herb zurückgewiesen hatten, später aber die Gefahr sich in höherem Maße erneuerte, so daß die Truppen über wiederholtes Ansuchen noch um 11 Uhr Nachts dahin dirigirt werden mußten. Gestern Nachmittag sind wieder 200 Mann vom Jnfanterie-Regimente Baron Martini nach Hostomitz abgegangen. Der Separatzug, mit welchem Baron Mallowetz, der Präsident der gerichtlichen Untersuchungs-Commission, mit dieser Militär- Assistenz von Prag abging, fuhr bis zum Stationsplatze Zdic, in dessen Nähe Hostomitz liegt. — Wir halten es für nöthig, noch weiter in die Einzelnheiten einzugehen, wie sie von den verschiedenen Blättern gebracht werden. Um sie richtig zu verstehen, muß man die gegenwärtigen politischen Zustände Oesterreichs ins Auge fassen; und damit man dies könne, ist es am zweckmäßigsten, einen trefflichen Artikel der „Ostdeutschen Post" zu lesen, aus dem wir Folgendes hervorheben: „Es handelt sich jetzt in Böhmen nicht blos um lene berechtigten nationalen Gefühle, welche die deutsche Bevölkerung Oesterreichs mit den bedrängten und bedrohten Stammes- und Culturgenossen in Böhmen vereinigt, es handelt sich um ein tiefes Lebensinteresse des Staates, um die Gefährdung feiner inneren Ordnung, seines Organismus, seiner Zukunft. Es gehört kein übermäßig großer polttischer Blick dazu, um zu erkennen, daß in Böhmen das Vorspiel zu einem Bürgerkriege beginnt^,für dessen Ausführung die Geschichte jenes Landes von Huß bis zur Schlacht am weißen Berge so flammende Vorbilder aufzuweisen hat. Der wilde Taboritengeist, der bei der Verfolgung und Ausmerzung des deutschen Elements in Böhmen so tiefe Spuren durch das Land gezogen hat und so aufregende Erinnerungen der Nation hinterlassen, steigt wieder aus seiner Gruft und bläst als ein Orkan durch das Königreich. Wir kennen diesen czechischen Geist, er hat im fünfzehnten Jahrhundert die deutsche Cultur mit Feuer und Schwert ausgerottet, die Barbarei an die Stelle der Civilisation gesetzt und nationale Helden geschaffen, deren Kannibalismus Schrecken und Entsetzen verbreitete, die aber nichtsdestoweniger die Gefeierten der heutigen czechischen Jugend sind. Das nationale Hussitenthum ist in Böhmen niemals er? loschen. Mit einer Berserkerwuth ohne Gleichen Hobes von Zeit zu Zeit sein Haupt, und je milder , versöhnlicher man ihm entgegen trat, um so rauher, zähnefletschender, herrschsüchtiger hat'es sich-gezeigt. Die Geschichte des siebzehnten Jahrhunderts, die Geschichte* des Jahres 1848 sind dafür sprechende Beweise. .Mit dem Ministerium Belcredi hat ein neuer Abschnitt dieser Geschichte begonnen. Die unglückliche Auffassung, welche dasselbe über die Gestaltung Oesterreichs nach dem Muster einer lockern Mosaik von föderalistischen, nationalen Atomen mitbrachte und zu verwirklichen sucht, ist in Prag zuerst in Blüthe geschossen, und es sind die ersten Früchte, die wir heute an den Bäumen gewahren. Mit jeder Concession, welche der Doctrinarismus des Staatsministeriums dem CzecheUthum macht, wird der Heißhunger noch mehr, die wilde Gier nach Alleinherrschaft, die autochthone Wuth gegen Alles, was deutsch ist, nur höher aufgestachelt! Wir stehen erst am Beginne dieser neuen Aera, und wie weit sind die Dinge schon gediehen! In Prag selbst, unter den Augen der höchsten Autoritäten des Landes und der Regierung, sind die angesehensten Professoren der Universität, die Abgeordneten deutscher Zunge handgreiflichen Insulten ausgesetzt, und nur der Respekt vor der bewaffneten Macht ist es, was die Herrschaft der Podskaler Fauste vom Schauplatz noch fern hält. Auf dem flachen Lande aber zieht der „Bundschuh" bereits durch die offenen Orte und fällt mit plündernder Hand in die Judenhäuser,, raubt, demolirt, schlägt auch Einen oder den Andern tobt — je nachdem er sich zur Wehre setzt. Diese Judenplünderungen sind in Böhmen immer das Vorspiel und das Attribut der politischen Bewegung. Die nationale Aufregung, in welcher die Agitatoren das untere Volk zu erhalten suchen, kann nur auf Kosten eines nationalen Gegensatzes belebt und genährt werden. Kann man dem czechischen Pöbel von der Königinhofer Handschrift sprechen? von Eva von Lobkowitz? von der europäischen Bedeutung der czechischen Literatur und Kunst? Nein, dem gemeinen Manne muß man von Huß erzählen, den die Deutschen verbrannt haben; von dem einäugigen Ziska, der die Deutschen geschlagen; von dem großen und kleinen Prokop, der Sachsen und Meißen geplündert und unter den Tönen einer Trommel, über welche eine Menschenhaut gespannt war, unendliche Schätze erobert hat! Die Begeisterung für die eigene Nation kann' nur da-