Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1866)
- Date
- 1866-03-20
- Page
- Seite 179 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226527-3226540--23813-3251136- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
(Korrespondenz inden Papierkorb geworfen. Ich werde mich daher hüten, heute, da die Probepredigten überstanden sind, ein kritisches Urtheil über diese gottesdienstlichen Vorträge zu fällen. Die Franzosen bezeichnen eine überflüssige, unnütze Arbeit mit den Worten travailler pour le roi de Prusse; da Oesterreich in dem Momente nicht auf bestem Fuße mit dem preußischen Cabinette stehet, möchte ich um so weniger pour leroi de Prusse arbeiten. Ich werde daher wohlweislich über die Probeprediger und ihre Predigten schweigen. Doch es liegt mir eine gedruckte Predigr vor, die hier als Probepredigt gehalten wurde. „Josef, ein Spiegelbild des isr. Volkscharakters", Predigt von Dr. Sonnenschein, und über diese werden Sie mir wohl Eine Bemerkung gestatten. Herr Dr. S. stellt den Vergleich auf: Joseph hätte die Möglichkeit gehabt,, sich aus seiner Erniedrigung zu erheben, doch setzte er keinen Hebel dazu in Bewegung. Auch Israel habe in seiner Knechtschaft und Sklaverei sich gegen seine Bedrücker erhoben (bekanntlich wird in dieser Weise der Vers wnran 'dt rvm cDna interpretirt), wenn dieses je dennoch gegeschehen sei, so war es die Hefe des Volkes, der Pöbel, der sich empörte. Mn möchten wir uns die Frage erlauben, gehörte R. Mba ben Josef (wir wollen nicht auf die Makkabäer zurückgreifen) zur Hefe des Volkes? und doch unterstützte er in so hervorragender Weise den Aufstand Bar Cochba's. Es ist geradezu eine Fälschung von Justizrath Wallner und Consorten, wenn sie die Juden der Jetztzeit für Demokraten verschreien rc.; aber es heißt der Geschichte ins Angesicht schlagen, wenn man in solcher Weise von der Kanzel herabspricht. Nun glauben wir wohl nicht, daß Herr Dr. Sonnenschein R. Mba wirklich zum Pöbel zählte, wir können dieses um so. weniger glauben, da, wie man uns mittheilte, Herr f)r. S. vor einiger Zeit noch Mitarbeiter des „Israelit" war; es geht jedoch daraus hervor, daß Herr Dr. S., der eben noch sehr jung ist, gut daran thun würde fleißig zu studiren. Die Wiener Kanzel fordert eben einen fertigen Mann. Bei der oratorischen Begabung, die Herr Dr. S. entschieden besitzt, dürfte er in einigen Jahren gewiß für einen derartigen Posten geeignet sein. Am nächsten Peßachfeste sind vierzig Jahre zu Ende, seitdem Herr Ober-Cantor Sulzer hier im Amte ist. Es hat sich ein Comitö gebildet, welches ihn so zu sagen in künstlerischer Weise feiern will. Inwiefern sich die Gemeinde dabei betheiligen wird, ist bis jetzt noch ungewiß. CS ist jetzt die Zeit eine ziemlich trübe. An allen Ecken und Enden wird über den schlechten Geschäftsgang geklagt und die politischen Wirren lassen die Leute nicht zu Athem kommen. Wir gönnen Herrn Obercantor Sulzer eine solenne Feier. Darum hätten wir gewünscht, daß das Jubiläum in eine freudigere Zeit gefallen wäre, oder daß man mit demselben, wie beim sel. Mannheimer, bis zum 70. Geburtstage gewartet hätte. Hoffentlich ist Herr Sulzer noch zu jener Zeit rüstig und krgftig. Der um die hiesige Gemeinde und um die Juden von Oesterreich hochverdiente Herr Jos. Wercheimer gedenkt sich, wie ich höre, nächstens von seinem Ehrenamte als Präsident des Vorstandes der isr. Cultusgemeinde zurückzuziehen. Wenn wir ihm auch gerne die Ruhe, die er sich wünscht, gönnen, so können wir diesen Rücktritt im Interesse der Gemeinde, wie im Interesse der österreichischen Juden, doch nur sehr bedauern. — Ich werde noch Gelegenheit finden, ausführlicher über diesen Mann zu sprechen. Die hiesige Handelskammer hat Herrn S. Winterstein zu ihrem Präsidenten erwählt. Wenn es nun an und für sich ein bedeutendes Zeichen der - Zeit ist, daß ein Jude Präsident der Handelskammer in der Metropole des Reiches ist, so muß ich jedoch hinzufügen, daß Herr Winterstein dieses Ehrenamt nur seinem biederen Charakter, seinem.Talente und seiner Befähigung zu verdanken hat. Er gehört nicht zu den Reichen hier, ja nicht einmal zu denjenigen, die man hier wohlhabend nennt. Wir freuen uns daher dieser Wahl um so wehr. Lemberg, 16. Febr. (N. fr.- Pr.)- Der Rubikon ist glücklich überschritten worden. Der Gemeinderach hat in der gestern abgehaltenen Sitzung endlich entschieden, daß ein Jude Lemberger Bürger sein kann, aber nur ein Jude. Denn von den drei Bewerbern um dieses Recht ist nur Herr Joseph Kolischer (Director der Filiale der Nationalbank) zum Bürger ernannt worden. Die Herren Schapira und Nierenstein sind bei der Abstimmung mit enormer Stimmenmehrheit und unter Freudenjauchzen (!) und Applaus (!) der Galerien durchgefallen. Selbst betreffs der Ertheilung des Bürgerrechtes an Herrn Kolischer stimmten von den 51 anwesenden Gemeinderäthen 17 dagegen, und ohne Zweifel nur deswegen, weil er ein Jude ist. Warum man den zwei anderen Petenten das Bürgerrecht nicht ertheilte, ein Recht, mit welchem nicht der