Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1866-03-20 · Heft 12 (20.3.1866) · p. Seite 176

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
30 (1866)
Issue
Heft 12 (20.3.1866)
Date
1866-03-20
Page
Seite 176 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3226527-3226540--23810-3251133
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

176 Gediegenen sehr viel und erweisen, welchen Fortschritt in den letzten Jahrzehenden Geist und Geschmack bei den jüdischen Autoren gewonnen haben. Beide Jahrbücher unterscheiden sich darin, daß die Achawa populärer mehr auf dem Standpunkte der Maste, anregender, wir möchten sagen gemüthlicher, darum aber auch leichterer Geltung ist und hier und da einer strengeren Kritik bedurfte; das Wiener Jahrbuch hingegen einen ernsteren, schon wistenschastlicherern und abgeschlostenerern Charakter hat. Die erstere ist flüssiger und lebendiger, während die Arbeiten des anderen Jahrbuchs einen bleibenderen Werth beanspruchen. Auf diese Weise ergänzen sich beide und können bei dem Liebhaber derartiger Literatur in nachbarlicher Weise ihren Platz einnehmen. Bonn, im März. Vor einigen Lustren hatte die israelitische Homiletik einen vollen reichen Fluß und neben einer Fluth von einzelnen Predigten erschienen zum Theil bändereiche Sammlungen, welche dem genannten 'Literaturzweige einen dauernden und bedeutsamen Grundstock schufen. Die Predigtbücher von Salomon, Kley, Philippson, Herxh^imer, Heß, Maier, Mannheimer, Herzfeld, Stein u. A. begannen eine homiletische Bibliothek für jüdische Fachmänner und Laien zu bilden. Dieser Strom hat sich seit mehr als einem Jahrzehend so gemindert, daß er seinen Lauf nur noch als ein leise murmelnder Bach verfolgt. Erscheint dann und wann noch ein Bändchen Predigten, so sind sie von geringerem Werthe und gehen schnell vorüber, und selbst an einzelnen Predigten, wenn nicht gerade eine außerordentliche Veranlassung eintritt, erhalten wir das Jahr über kaum ein Dutzend. Nun ist dies um so auffallender, als bekanntlich die jüdische Predigt sich immer mehr ausgedehnt hat, und ihre Stätten fast in allen Gemeinden aufschlug; anderenteils kann man doch nicht sagen, die jüngeren jüdischen Kanzelredner hätten an Bescheidenheit so übermäßig gewonnen, daß sie ihre Reden lieber der Öffentlichkeit entziehen. Wir wollen die Ursachen dieser Erscheinung hier nicht aufsuchen, gestehen aber, daß sie uns unliebsam ist, weil gerade, indem die jüdische Predigt eine so weite Ausdehnung erlangt hat, die Einwirkung auf ihre Gestaltung und ihren Fortschritt durch die Literatur um so wichtiger und notwendiger wäre. Mag ein Redner noch so genial sein oder sich dünken, durch die Lectüre von Predigten Anderer bildet er sich unbewußt, läßt sich von Irrungen zurückhalten, nimmt rühmenswerthe Eigentümlichkeiten an und wird jedenfalls vor Einseitigkeiten bewahrt. — Um so anerkennenswerter ist es, daß Dr. Jellinek eine rühmliche Ausnahme macht, und. mit der Veröffentlichung seiner Predigten fortfährt. Er erwirbt sich dadurch den Dank aller derer, welchen die Fortbildung der jüdischen Predigt am Herzen liegt, und die einen Rückschritt derselben befürchten. Es liegen uns heute zwei Hefte Predigten dieses Redners vor: „Einleitung in die Thora. Fünf Reden von Dr. Adolf Jellinek, Prediger der israelitischen Kultusgemeinde in Wien. Herzfeld u. Bauer 1866." — „Aus der Wiener israelitischen Kultusgemeinde 5624. Sieben Zeit-Predigten von demselben. Daselbst." Wenn auch der Titel der ersten Sammlung etwas zu weit gegriffen ist, so entwickeln doch diese Reden einige allgemeine Charakterzüge der Thora in geistreicher und zutreffender Weise. Die erste derselben zeigt, daß die Thora zwei Seiten umfaßt, nämlich „allgemeine, Gott und Menschen einigende, die Völker verbindende, von Zeiten und Räumen unabhängige, ewig gültige Wahrheiten und besondere Vorschriften, welche das israelitische Volk in die innigste Gemeinschaft mit Gott versetzen, von den übrigen Nationen es absondern, auf seine Stammesgeschichte und seinen nationalen Boden sich beziehen, deren Bedeutung daher zum Theil von Zeitverhältnissen bedingt ist"; daß aber die Thora beide nur scheinbare Gegensätze vereinigt, „denn wie in dem kleinen Thautropfen ein Theil des Himmels sich abspiegelt, so erblicken wir in jeder Satzung der Thora eine allgemeine Wahrheit." Die zweite Rede weist nach, daß die sittliche Veredlung des Menschen auf Erden der Mittelpunkt der Thora ist; die dritte betrachtet, wie die Thora ihren eigentlichen Träger Moses in seiner Menschennatur, so erhaben sie auch ist, uns vorführt; die vierte erörtert, daß gerade Israel für die Offenbarung erkoren wurde, weil seine Eigenschaften vorzugsweise für diesen Beruf angemesten waren, während die bei den übrigen Völkern des Alterthums und des Mittelalters, zum Theil noch der neueren Zeit herrschenden Anschauungen und Ueberzeugungen. den schroffsten Gegensatz zur Thora bildeten. Die letzte Rede endlich zeigt, daß die Thora „einem Volke, aber nicht dem einzelnen Menschen, vorgelegt, aber nicht aufgenötbigt wird." Schon diese kurze Inhaltsangabe wird unseren Lesern die Ueberzeugung verschaffen, daß die vorliegende Schrift nicht blos zur augenblicklichen Anregung dienen mag, sondern bleibend zu wiederholter Lesung sich empsiehlt, weil sie ein trefflicher Beitrag ist, sich über die Thora zu einer klaren Anschauung und festen Ueberzeugung zu verhelfen. Wenn wir den Cha-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.