Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1866)
- Date
- 1866-03-06
- Page
- Seite 145 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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145 schränktem und von ihm abhängigem Maße sich betätige. Er proklamirt das Nationalitätsprincip, und reißt Nizza von Italien los, das Nichtinterventionsprincip, und besetzt Rom und Mexiko. Ich brauche wohl kaum Thatsachen für alle die Charakterzüge des Imperialismus herbeizubringen; sie werden einem Jeden in Masse beifallen, der. die Einrichtungen und Handlungen des französischen Kaiserthums verfolgt. Auch wird dieses selbst gar kein Hehl daraus machen, nur daß es ihm an schönen Phrasen nicht fehlen wird, mit denen es seine Blößen bedeckt, und an Schminkfarben, mit denen es seine häßlichen Flecke übertüncht. Bei näherer Betrachtung der Person Napoleon III. fällt mir immer die bekannte Erzählung von der Sterbescene des Augustus ein, der, den Tod erwartend, stehend die Anwesenden frug: „Habe ich meine. Rolle gut gespielt?" und auf den bejahenden Zuruf sprach: ,ßlm, so klatschet mir Beifall zu!" und entseelt in die Arme seiner Umgebung fiel. Diesem Charakter entspricht das Ziel und die Handlungsweise, die innere, wie die äußere Politik des Imperialismus. Die Gründung der Dynastie und die Befestigung des Imperialismus ist das Ziel Louis Napoleons. Ihm ist der letztere durchaus keine Uebergangsphase, sondern der dauernde Ausgang der französischen Revolution. Ob mit der Zeit die demokratischen Prinzipien und die liberalen Institutionen immer mehr Schein, immer hohler und nichtiger werden müssen, kümmert ihn durchaus nicht, wenn nur seine Dynastie dauernd und die Autokratie ungeschwächt bleibt. Er hat daher bereits aufgehört', die Freiheit als die Krönung seiner Pyramide zu verheißen, und eskamotirte in seiner letzten Rede an den Senat an deren Stelle „den civilisatorischen Genius Frankreichs." Mache Dir hieraus, was Du willst. — Entschieden daher, bis zur äußersten Rücksichtslosigkeitentschieden (man erinnere sich z. B. des famosen „Sicherheitsgesetzes"), wo es die Sicherstellung seiner Person und Herrschaft gilt, zeigt er sich in der inneren wie äußeren Politik überall schwankend, aber nicht schwankend aus Mangel an An- und Absicht, aus Mangel an Willen und Kraft, sondern schwankend aus wohlüberlegter Willensmeinung. Der Imperialismus kann nur in zwei Fällen leben, entweder inmitten geschwächter, darum abhängiger und sich bekämpfender Parteien, oder ohne alle Parteien, wo die Gesammtheit sich in einen weichen Brei aufgelöst hat. Einer großen, starken, unerschrockenen Partei, oder einer Coalition der Parteien gegenüber würde. er fliegen müssen, gehe diese, von innen oder von außen hervor. Darum wird er stets alle vorhaüdenen Parteien drücken, aber keine unterdrücken, jede beschränken, aber keine aufhören machen. Eine jede soll ihre Existenz fortsetzen, aber in einer Schwäche, die sie von ihm abhängig macht. So existiren denn in Frankreich alle früheren Parteien fort, die legitimistische, orleanistische, die republikanische und sogar die socialistische, die ultramontane, die gallikanische, die rationalistische und die atheistische; jede wird von der Regierung beschränkt, und doch ins Geheim genährt; jede fühlt die Spitze der Negierung gegen sich gewendet, und glaubt doch die Mittel der Existenz von ihr zu erhalten. Aber welch Geschrei der'Regierungspresse erhob sich, als die Legitimisten und Orleanisten sich zu einer Fusion bereiteten, als jüngst in der sg. Decentralisationsfrage die verschiedenen liberalen Parteien eine Coalition zu bilden drohten. Bekanntlich schreit die Furcht am lautesten. So auch in der äußeren Politik. Es kam zuerst vor Allem darauf an, Frankreich wieder zu dem Ansehen und der Geltung in der europäischen Politik heraufzuheben, von welcher es durch den Sturz Napoleons herab gesunken, und zu der weder die Restauration noch die Julimonarchie es zurückzubringen versuchte oder vermochte. Hierin ein entschiedenes Vorgehen auch mit dem Schwerte in der Hand; aber niemals allein, stets einen Bundesgenossen an der Seite, um eine Coalition unmöglich zu machen. So mußte denn die russische Macht geschwächt, aber nicht gestürzt werden, und man blieb hinter Sebastopol stehen; so mußte die österreichische Macht geschwächt, aber nicht gestürzt werden, und man blieb vor dem Festungsviereck stehen. So mußte die päpstliche Macht geschwächt, aber nicht gestürzt werden, und man occupirte Rom, um es gegen die Römer zu vertheidigen. Man ließ Italien groß werden und verhalf ihm dazu, aber vor Rom und Venedig muß es stehen bleiben, und seine Gegner zwingen es, von Frankreich abhängig zu bleiben. So offenbart sich hier überall dasselbe Princip; man kennt seine Stärke und- Schwäche; man annectirt Savoyen und Nizza, hält aber seine Hand von Belgien und dem Rheine zurück; man macht Frankreich siegreich, ohne sich einen Kampf auf Leben und Tod zuzuziehen. Dies liegt Alles klar vor uns, und da ist es nur eine Aktion, welche ein Räthsel zu sein scheint, die man als abenteuerlich, als einen Fehlgriff, als den Anfang der Dekadenz verschreiet und die ich hier nicht übergehen kann, weil sie mit dem Ziele meiner Betrachtung im Zusammenhänge steht. Sie wiffen schon, Freund, 10*