Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1866)
- Date
- 1866-03-06
- Page
- Seite 144 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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tctume erreicht wird. Lediglich in England und Holland ist daher die unbedingte Geltung des. konstitutionellen Regimes der Ausfluß einer langen geschichtlichen, freiheitlichen Entwickelung, während sie anderwärts, wie in Belgien und Italien, durch die äußere Stellung geboten ist, da hier jeder innere Conflikt und Zerfall das Signal für den Untergang des Staates selbst wäre. Mitten in diesen Kämpf trat nun in der neueren Zeit. eine dritte Phase ein, der Imperialismus oder Cäsarismus. Aus dem Kampfe einer allzujungen Republik und einer allzualten Legitimität ging er in Frankreich, hervor. Während die eine den Interessen des Volkes zu genügen nicht im Stande war und das Herz desselben durch den brutalen Zusammenstoß der Parteien abstieß, konnte die andere nur durch äußere Gewalt dem Volke wieder ausgezwängt werden, und aus diesenrathlosen Zuständen erhob sich der Imperialismus, indem er sich dem Kolke als eine Rettung aus allen seinen Nöthen darstellte. Als wirkliches System bildete er sich allerdings erst durch Napoleon III., aus, während sein Onkel trotz außerordentlicher Geistesbegabnng doch zu sehr die brutale Gewalt in seiner Natur trug, um andere Organe als diese zu benutzen. Wie Napoleon III. in der Vorrede zu seinem „Leben Cäsars" selbst verrieth, sieht er seinen Oheim als den Cäsar, sich selbst als den Augustus an, und bieten allerdings die beiden Paare großer geschichtlicher Erscheinungen nicht wenige Parallelmomente dar, die wir hier nicht weiter verfolgen wollen, welche aber erklären, wie Louis Napoleon zu dieser Anschauung kommen konnte. Man hat oft gesagt, daß in der Weltgeschichte sich nichts wiederhole und dies ist wahr, wenn man an einen vollständigen Abklatsch früherer Erscheinungen denken wollte. Doch giebt es .genug bestimmte und erkennbare Gesetze in der Natur des Menschen, der Völker, der Gesellschaft, um im Verlaufe der Dinge, wenn nicht Wiederholungen, doch starke Aehnlichkeiten beobachten zu können. Darauf beruhen denn auch die Hoffnungen des französischen Kaisers und seiner Anhänger und es wird an der Zukunft sein, sie entweder als richtige Voraussetzungen oder als bittere Selbstenttäuschungen zu bewähren. Was ist nun der Imperialismus? Sein Ursprung, seine Einrichtungen und seine Thaten geben uns hinlänglichen Aufschluß, um ihn vorurteilslos und mit völliger Objectivität beurtheilen zu können. Er ist der unbeschränkte Absolutismus mit dem Scheine d emokratischer Grundsätze und Institutionen. Wirklichkeit ist an ihm nur die persönliche' Autokratie des Herrschers, alles Andere ist nur Schein. Der Revolution entsprossen, ist er und muß sein der erbittertste Feind der Revolution, und giebt sich als solchen offen aus, ohne jedoch eine zeitweise Verbindung mit derselben zu scheuen, wann und wo er dadurch seine Pläne zu fördern vermag. Die Rolle, die er übernommen zu haben vorgiebt, ist die der Vermittelung der Gegensätze; aber diese Vermittelung ist nur scheinbar, denn er verfolgt sie nur so weit, als er daraus Kräfte zu schöpfen vermeint. Er betitelt sich daher zu gleicher Zeit mit dem absolutistischen,, von Gottes Gnaden" und dem demokratischen „durch den Willen der Nation." Er verkündet als seine Grundlage „das allgemeine Stimmrecht" und als sein Wesen „die Autorität.". Er erklärt natürlich den Herrscher für „unverletzlich", läßt aber diesen alle „Verantwortlichkeit der Regierungshandlungen" übernehmen, indem alle Regierungsorgane nur ihm verantwortlich sind. Er adoptirt alle demokratischen Rechte und Freiheiten von 1789, macht sie aber durch die strengsten Präventiv- und Strafgesetze und deren willkührliche Ausübung durch die Executivgewalt illusorisch, so daß auch die geringste Benutzung dieser Freiheiten und Rechte nur mit der Erlaubniß der Executive geschehen kann, d. h. nichts Anderes, als diese Freiheiten und Rechte existiren nicht. Er umgiebt sich mit konstitutionellen Institutionen, mit Staatsrath, Senat und gesetzgebendem Körper, aber die beiden ersteren wählt er selbst und bezahlt sie mit ausschweifenden Gehältern, und auf die Wahl des letzteren übt er die ausgedehnteste Pression mit allen Künsten der List, der Corruption, der Beschränkung und der Gewalt. Er will eine starke, einflußreiche Kirche, aber sie soll zugleich von ihm völlig abhängig, ein Werkzeug in seiner Hand und dies durch die beständige Drohung der antikirchlichen Parteien sein. Er will eine Aristokratie, aber keine selbstständige, sondern in ihrem Bestände von ihm stets abhängige, wie sie durch reiche Jahrgelder, nicht aber durch bleibenden großen Besitz existirt. Er will den Glanz der Kunst, selbst etwa auch der Wissenschaft, aber ohne Genie und Freiheit, um dem Volke die „Spiele" zu schaffen, die dessen Sensualismus anreizen und befriedigen. Vor Mem ist sein Blick auf die Hebung des materiellen Wohlstandes und auf die Beschäftigung der arbeitenden Klassen gerichtet, und hier ist es, wo er den Principien der Freiheit, soweit sie materiell den industriellen Verkehr steigern (Freihandel), thatkrästig huldigt, immer jedoch mit der Rücksicht, daß aller Affociationsgeist in be-