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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1866-02-27 · Heft 9 (27.2.1866) · p. Seite 129

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
30 (1866)
Issue
Heft 9 (27.2.1866)
Date
1866-02-27
Page
Seite 129 (sequence 3)
Language
German
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129 — der Stephanskrone, d. h. die Einverleibung Croatiens, Siebenbürgens, Dalmatiens und Fiume's, weil diese den Magyaren fremden Nationalitäten zur-Krone des h. Stephan gehörten; die Czechen verlangen die (fragliche) Wenzelskrone, der sich die Deutschen in Böhmen unterwerfen sollen; die Polen in Galizien haben die Ruthenen gegenüber, und fordern die unbedingte Herrschaft der polnischen Sprache. Die Ursache, aus welcher diese Untreue am eigenen Principe hervorgeht, ist durchsichtig; diese kleinen Nationen fühlen, daß ihre Selbstständigkeit, wenn sie nach dem Principe auf sich selbst beschränkt würden, auf äußerst schwachen Füßen stehen würde, und suchen sich daher durch Vereinigung mit andern kleinen Nationen zu stärken, wodurch aber gerade derselbe Kampf in ihrer Mitte hervorgerufen werden wird, den sie jetzt gegen den historischen Staat führen. Wie dem aber auch sei, das Drängen des Nationalitätsprincips macht sich überall fühlbar; geweckt von dem Verlangen nach Selbfgovernment, und sich an dem Elemmt der Sprache festhaltend, wühlt es eine Menge kleiner Nationalitäten mit den unausgebildetsten Idiomen auf, und jeden Tag hören wir von einem neuen, das gesetzliche Geltung ^fordert. Es ist nicht zu verkennen, daß nicht allein das Nationalitätsprincip, sondern noch mehr diese Sprachenherrschaft jener allgemeinen Völkerverbindung im Menschengeschlechte feindlich gegenübertritt. Allerdings wird eine spätere Zeit chre Ausgleichung auch hierfür suchen, finden und erobern. Für jetzt aber wird es absondernd und ausschließend wirken, und mancherlei Hemmnisse schaffen, welche von nachtheiligen Wirkungen begleitet sind. Gestatten Sie mir, schon von hier aus einen Blick auf Judenthum und Juden inmitten dieser großartigen Bewegung zu werfen. Wir befinden uns hier auf wohlbekanntem Gebiete, denn die hier stattsindenden Fragen liegen in den täglichen Erscheinungen vor.' Die Judenheit stellt hier den Kampf in der Menschheit, den ich eben gezeichnet, in konkretester Weise dar. Die Bestimmung weiset die Judenheit, zerstreut über die ganze Erde, dennoch auf einen gewissen einheitlichen Verband hin. Zunächst durch ihre religiöse Gemeinschaft, und zwar nicht allein durch die Gleichheit des religiösen Bekenntnisses als Individuen, sondern auch dadurch, daß unzweideutig die jüdische Religionsgemeinschaft eine Mission für das gesammte Menschengeschlecht hat, ein Axiom, das die Geschichte erweist, also nicht der Ausfluß individueller Selbstüberschätzung ist; alsdann aber auch durch die gemeinschaftliche Abstammung, die sich trotz aller Zeit- und Raumentfernung erhalten hat. Aber auch ihr geschichtliches Verhältniß verweist die Juden auf jene große Verbindung in der Menschheit. Die Völker haben mehr als ein Jahrtausend hindurch die Juden auf-die Industrie, ja nur auf den Handel beschränkt, und ihnen die Ausbreitung über die ganze Erde und die Freizügigkeit zum Bedürfniß, zur einzigen Rettung gemacht. Diesem entgegen hat die Geschichte die Inden in einer unerhörten Zersplitterung über die ganze Erde mitten unteralle Nationen geworfen, und ihnen so die Nothwendigkeit auferlegt, sich der jedesmaligen Nationalität hinzugebeu und in sie, außer in allen religiösen und Familienbeziehungen, aufzugehen. Namentlich mit dem Erwachen des Nationalitätsprincips in den Völkern und des Verlangens nach Gleichberechtigung in den Juden wurde jene Nothwendigkeit für die letzteren entschieden. Sie bilden in ihrer Diaspora so kleine Bruchtheile der Bevölkerung, daß sie selbst da, wo innerhalb größerer Nationalitäten kleinere eine gewisse Berücksichtigung zu fordern haben, solche für sich nicht in Anspruch nehmen können, da sie eben nicht blos landschaftlich, sondern auch örtlich zersplittert sind. Dies giebt sich denn auch in dem Streben der Juden selbst überall kund. Denn selbst in den polnischen Ländern, wo unsere Glaubensgenossen am zahlreichsten vorhanden, fordern sie, ohne Unterschied, ob orthodox oder reformistisch, ob gebildet oder ungebildet, fordern sie nicht etwa in einem zeitweisen Gelüste, sondern zähe und ausdauernd die Aufhebung selbst jeder örtlichen Absonderung und das Aufgehen in die städtische Gemeinde. Es ist dies nicht der Ausfluß einiger Individuen, nicht das Ergebniß einer höheren Bildung, sondern des instinktiven Gefühls der Masse. So bestehen also jene Gegensätze im innersten Wesen der Jud nheit, und damit an dem Bilde des Makrokosmus im Mikrokosmus gar nichts fehle, sehen wir auch hier ein historisches Verhältniß und damit auch ein Sprachverhältniß in den Widersteit sich mischen. Die Juden haben in Europa ursprünglich an gewissen großen Heerden gesessen, von denen aus sie in die anderen Länder sich ergossen. Die sg. spanischen und portugiesischen Juden gingen aus der iberischen Halbinsel nach Frankreich, England und Amerika, aber auch nach'dem Oriente und in die Länder, an der östlichen Donau; die deutschen Juden breiteten sich in Ungarn, Polen und Rußland aus. Sie haben daher überall ein doppeltes Verhältniß zu überwinden, seitdem ihre Ausschließung gebrochen ist. Sie 9* f

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