Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1866)
- Date
- 1866-02-27
- Page
- Seite 128 (sequence 2)
- Language
- German
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128 tzwant vorgezeichnet sind. Ich meine einerseits jene extensiv und intensiv wachsende Verbindung aller Natiy-NM zu einem großen Ganzen. Der seiner Ausführung immer mehr zureifende Telegraphenzug an der östlichen Küste Amerika's durch die Behringsstraße Lis zum Amurflusse wird endlich die ganze Erdkugel mit dem elektrischen Drahte umspannen?, selbst wenn der atlantische Kabel vom Ocean nicht gelitten würde. Die Eisenbahnlinie mitten durch die nordamerikanische Union über die Rocky Mountains, welche in ungefähr sechs Jahren vollendet sein wird, die von den Engländern projektirte Eisenbahn von Canada durch das ungeheue Gebiet des Red River, wo über 30,000,000 Menschen noch Platz und fruchtbaren Boden hätten bis an die Ostküste, sowie endlich die nicht minder in Aussicht genommene von Veracruz bis Acapulco durch Mexiko hindurch, - von welchen Punkten aus dann englische und französische Dampferlinien nach Japan, China, Ostindien und Polynesien gehen sollen, werden die Verbindung der fünf Welttheile außerordentlich erleichtern und die Zeit einer Umfahrt um den Erdball sehr verkürzen. Man sieht, die Vorsehung hat es dem Menschen nicht leicht gemacht; sie hat ihm das Geheimniß, die Luft zu einer Communikationsstraße zu machen, vorenthalten; sie hat im Norden und Süden der Continente unüberwindliche Hindernisse geschaffen; aber er weiß andere Wege zu finden und im Ringen und Kämpfen wachsen seine Kräfte um so mehr.— Fügen wir Diesem nun die steigende Herrschaft des Freihandelsprincips, welche das System der Prohibition immer mehr durchlöchert, so wie der Freizügigkeit hinzu, die selbst die abgeschlossensten Staaten zu gegenseitiger Niederlassung öffnet, endlich die Auflösung, in welcher sich die Oststaaten, China und Japan, befinden, um uns jene Vereinigung klar bewußt zu machen. — Und diesen großen Ergebniffen gegenüber; was sehen wir nun andererseits für eine Richtung von den Nationen gerade in der Mitte der civilisirten Welt eingeschlagen? Es ist das Nationalitätsprincip, das mit einer noch nie dagewesenen Energie auf den Kampfplatz getreten und sich mitten durch alle Schwierigkeiten, Alles vor sich niederwerfend, zur Herrschaft bringen will. Ich will hier über den Werth oder Unwerth, über die Vorzüge und Nachtheile dieses Princips keine Erörterung unternehmen, sondern nur über seine Wirkungen in und für das Allgemeine sprechen. Jede Nationalität, groß oder klein, höher oder minder entwickelt, will selbstständig und unabhängig bestehen, in eigener Verfassung, nach eigenem Gesetz und Recht leben. Es kommt hierbei gar nicht daraus an, ob hier und "da solche Nationalstaaten von einem Herrscher durch die sg. Personalunion regiert würden: es soll diese Vereinigung, so verlangt es das Princip, der Selbständigkeit jener durchaus keinen Eintrag thun. Dieses Nationalitätsprincip hat zunächst mit den aus der Geschichte erfloffenen Machtverhältniffen zu kämpfen. Lange bevor die Industrie die allgemeine Verbindung der Menschenvölker anbahnte, waltete in den Nationen der Trieb, daß jeder kräftige Völkerstamm durch Unterwerfung anderer ein großes, ein Weltreich gründe, das sich immer weiter und weiter ausdehne, immer mehr und wehr Nationalitäten verschlinge. In unserer Zeit haben wir deffen nur noch ein Beispiel im russischen Reiche. Denn, abgesehen von dem schnell vorübergegangenen Napoleonischen'Versuche, ward der englischen Weltherrschaft durch den Unabhängigkeitssieg der Nordamerikaner ein Riegel vorgeschoben, und seitdem befolgt England das vernünftige System, seinen großen, mündig gewordenen Colonien die Selbstregierung mit eigener Verfassung und nach Gesetzen, die sie sich selbst geben, zu gewähren, so daß sie nicht Staaten im Staate, sondern neben einander bilden; die Ausbreitung der indischen Herrschaft der Engländer aber geht stets nur von dem Zwecke aus, ihre Herrschaft in Indien sicher zu stellen. Diesem Streben nach der Obherrschaft über andere Nationen tritt das Nationalitätsprincip als voller Gegensatz gegenüber. Aber jenes hat historische Verhältnisse hinterlassen, welche nur durch gewaltigen Kampf ausgeglichen werden können. Es giebt noch immer Staaten, welche verschiedene Nationen unter ihrem Scepter vereinigen. In ihrem Selbständigkeitsdrange wollen diese Völker auseinander; aber die europäischen Machtverhältniffe und der bestehende Zustand wollen dies nicht zugeben.' Jedoch außer diesen sind es auch noch geographische Verhältniffe, welche dem Nationalitätsprincipe große Schwierigkeiten schaffen, ja es sich selbst wieder ungetreu werden lasten. Die Nationalitäten sind geographisch selten getrennt; sie wohnen , gemischt unter einander; und so kommt es, daß jenes Verlangen nationaler Selbstständigkeit wieder darauf hinausgeht, eine- 'Nationalität durch die andere beherrscht und vergewaltigt zu machen. So erleben wir es, daß dieselbe Nation, welche auf das Nationalitätsprincip pocht, sofort wieder zu dem historischen Rechte greift, um ihre Grenzen festzustellen. Die Ungarn z. B., welche den österreichischen Centralisten ihre magyarische Nationalität gegenüberstellen, verlangen die Wiederherstellung