Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1866)
- Date
- 1866-02-27
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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3V. Jahrgang. All tze meine M S. 3cititim -cs ö!ß Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. HerausgegeLen von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Bonn. Leipzig, den 27. Februar 1866. Inhalt. Leitende Artikel: Ein Brief über die Politik in der Gegenwart.— Mecklenburger Zustände. —. Zeitungsnachrichten: Pr'eußen: Berlin, Aachen, Berlin. Oest erreicht sch er Kaiserstaat: Pest, Gr.-Becskerek, Linz, Aus Ostgalizien, Krakau, Neichenberg, Aus ' Oberungarn, Ofen. Nordamerika: New-Iork. A si e n: .Bagdad. Notizen. Leitende Artikel. Bonn, 18. Februar. Ein Gries über die Politik in der Gegenwart. Sie halten mit mir fest, werther Freund, an der Ansicht,, daß es mitten in dem Gewühle der Tagesereignisse und der zeitlichen Parteikämpse um so nöthiger ist, sich einen höheren Standpunkt zu bewahren, von dem aus der Lauf der Begebenheiten in ihrem tieferen Gehalte und ihrer bleibenden Bedeutung erschaut werde. Nicht als.ob man .von einem Parteistandpunkte sich dadurch losmachen wollte, denn dies ist nun einmal für denjenigen, welcher mit der Zeit und mit der Geschichte wahrhaft lebt, unmöglich, und ohne einen solchen, in der vermeintlichen Objectivität würde man gar nichts sehen und erkennen. Aber man gelangt durch eine höhere Betrachtungsweise von einem allgemeineren Gesichtspunkte aus dahin, sich nicht allzusehr in die Tagesfragen, den augenblicklichen Zusammenstoß, die momentane Lage und Gestaltung zu versenken. Und ein solcher ist in der That der echt jüdische, der dem Charakter des Iudenthums angemessenste. Die Geschichte des letzteren weiset es unzweideutig auf eine solche allgemeinere Stellung hin. In seiner ersten Periode von den Wellhändeln abgesondert, wurde es in "seiner zweiten zum steten Begleiter aller Zeiten und Völker, und, ohne auf dieselben irgend einen bestimmenden Einfluß üben zu können, war es in seinem Schicksale von ihnen abhängig und konnte sein Heil stets nur von der weiteren Entwickelung über die Gegenwart hinaus erwarten. Und dies ist es eben, was ihm zuzweit die Ausschau in das Allgemeine immer von Neuem wichtig macht, um sich von dem, was zu erwarten und zu erhoffen ist, in seiner eigenen Stellung regeln und leiten zu lassen. Denn Ihnen, als einem tiefer Blickenden, brauche ich es wohl nicht erst zu sagen, daß es eine arge Selbsttäuschung wäre, zu glauben, daß das Judenthum und seine Bekenner jetzt am Ende ihres wechselvollen Geschickes stehen und fortan nur eine gerade, ebene Bahn zu verfolgen, hätten, auf welcher sie lediglich von den Schicksalen der Völker selbst ihres Theiles betroffen würden. Doch hieraus habe ich noch einmal zurückzukommen. Ich folge daher Ihrem Wunsche gern, nach den Andeutungen, die Sie gegeben, meine Ansichten darzulegen.; ' In dem Gesammtgange der Völker treten jetzt zwei Gegensätze wieder recht erkennbar hervor, die, wenn auch in sehr verschiedener Gestalt, seit den ältesten Zeiten sich kundgegeben, und nach meiner und Anderer Ansicht schon in der Geschichte des Thurmbaues von Babel recht prä-