Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 6 (6.2.1866)
- Date
- 1866-02-06
- Page
- Seite 86 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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86 Noch mehr wohl Spanien selbst, wenn es auch in den Annalen der Inquisition verschwunden gewesen wäre — dann würde Spanien nicht so tief heraLgesunken sein, wie es, jetzt ist, und die Welt hätte nicht Jahrhunderte lang jene schrecklichen Schauspiele erlebt, welche den blutgetränkten Boden der iberischen Halbinsel mit dem.Brandgeruch der Scheiterhaufen bedeckt haben. Wir erinnern uns des spanischen Memoirs um Aufhebung jenes Verbannungsdekretes, welches Sie, Herr Redacteur, an die Cortes unter dem Ministerium Es- , partero richteten. Die progressistische Kammer wäre in ihrer Mehrheit dafür gewesen, aber der Herzog von Vittoria hat die Sache des Liberalismus ebenso verrachen, sobald er die Macht in Händen hatte, wie die anderen spanischen Generale, wenn sie Minister geworden. Die Cortes wurden aufgelöst und damit fiel auch die Judenfrage. Uebrigens duldet die spanische Regierung'die Juden, und zwar in ihrem eigensten Interesse, und seit einigen Jahren sind die hohen Festtage in einem Privathause mit Minjan gefeiert worden; Trauungen und Beschneidungen fanden bereits wieder auf spanischem Boden statt. Wie gesagt, die Regierung weiß dies und duldet es, darf aber selbstverständlich nicht in öffentlichen Akten es anerkennen. Daß übrigens die spanische Gesetzgebung den Eidmqre judaico nicht kennt, ist dabei am wenigsten zu bedauern. — Man spricht jetzt hier viel wieder von der Besetzung des Rabbinats. Daß der Vorstand bei den im Mai - ins Amt tretenden Repräsentanten für seine Anträge ein willigeres Ohr finden wird, ist gewiß, und die Wahl eines freisinnigen Räbbinen wird geringeren Widerstand finden, doch nur bei einem gewissen modus in rebus. Doch wird man wohl, wenn auch keine Probepredigt, doch jedenfalls vorher eine „Gastpredigt" fordern, und dazu hat man sogar einen gebieterischen äußerlichen Grund. Ich brauche es nicht zu bemerken, daß die Predigt der wesentlichste Beruf des zukünftigen hiesigen Rabbiners sein wird, wie in ihr ja auch die Wirksamkeit des sel. Sachs bestand. Nun hat man ein mächtiges und prächtiges Gotteshaus gebaut. Wie? wenn mm der neue Rabbiner, sei es aus Mangel an einem kräftigen Organ, oder an Modulation der Stimme, oder weil er sich in die Akustik dieses Gebäudes nicht zu finden vermag, sich daher den Zuhörern nicht verständlich zu machen weiß? — Wie peinlich wäre dies für ihn selbst. Eine desfallsige Vergewisserung liegt also im Interesse Aller, auch des Gewählten. Denn, wie gesagt, ohne nachhaltige rednerische Begabung und Wirksamkeit würde, hier ein Rabbiner in Zukunft eine traurige Rolle spielen. Was ich hier gesagt, ist gewiß unparteiisch und ohne irgend eine Beziehung ausgesprochen, und giebt sich als die Meinung aller Gutgesinnten kund. — Landöberg a. d. Warthe, 23. Januar. (Privatmitth.) Jüngst hielt der hiesige Rabbiner, Herr Di'. Klemperer eine Predigt über die Pflege der Wissenschaft im JudenthUme einst und jetzt und beschloß dieselbe mit einem Aufrufe, den am Seminar zu Breslau studirenden Jünglingen durch Unterstützungen zu Hülfe zu kommen. Mehrere Gemeindemitglieder, besonders der durch seinen Sinn für alles Gute und Edle ausgezeichnete Herr Benny Burchardt, schossen sofort die Summe von 50 Thlr. für mittellose Seminaristen zusammen. Der Nachahmung wegen sei dies hier mitgetheilt. Oesterreichischer Kaiserstaat. Pest, 2. Februar. (Privatmith.) Die kürzlich vom Ausschuß der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde im Princip beschlossene Anstellung eines magyarischen Predigers ist heute in der General-Versammlung der Repräsentanten der genannten Gemeinde mit überwiegender Majorität ausgenommen worden. — Es ist hier sehr gern aus der jüngsten Nummer Ihres Blattes ersehen' worden, daß der Präses des ungarisch-israelitischen Vereines eine Entgegnung gegen eine Correspondenz von hier gegeben und somit zum ersten Male, soviel wir wissen, eine richtige Ansicht vorüber den gedachten Verein in Deutschland her zurufen sich gemüßigt gefühlt hat. Man sieht nämlich hierin das Verlangen, sich mit der öffentlichen Meinung in Deutschland auf den rechten Fuß zu stellen, und dies ist wiederum die sicherste Garantie, daß der Verein in seinen an sich hochzuschätzenden Bestrebungen das richtige Maß einzuhalten sich bemüht. Allerdings hätte man gewünscht, daß der Herr Präses etwas weniger scharf und bitter seine Einsprache gehalten hätte. Denn in jener Correspondenz war ja die Tendenz des Vereines vollkommen gewürdigt, und nur vor jeder Ausschreitung gewarnt worden. Wenn es nun wahr ist, daß die letzteren in den letzten Jahren von dem