Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 6 (6.2.1866)
- Date
- 1866-02-06
- Page
- Seite 81 (sequence 3)
- Language
- German
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81 Mann fielen und die eine Verheerung des Landes weithin zur Folge hatte. Fragen wir nach den Ursachen, welche eine derartige Spaltung des Volkes und einen so grausigen Bruderkampf bewirken konnten, und zwar unter einem Könige wie David, der Israel so stark und groß gemacht gegen alle seine Feinde und - von den Gefahren befreite, die es seit seinem Einzuge in Kanaan umgaben, unter einem Könige, der dem Volke den Cultus wieder hergestellt und verherrlicht hatte, so kann wohl von einer bloßen Launenhaftigkeit und Veränderlichkeit der Volksmasse hierbei nicht die Rede sein. Sie lagen tiefer und waren nicht ganz einfacher Natur, wie wir weiter unter sehen werden. — Wir haben somit für einen Zeitraum von fünf Jahrhunderten eigentlich nur den allgemeinen Bürgerkrieg gegen Benjamin, den partiellen zwischen Ephraim und Jephta und die Empörung Absaloms; der erste hatte einen tief sittlichen Grund, der zweite war blutig, aber ohne allgemeine Bedeutung und Folge; nur der dritte hatte einen politischen Charakter. Wir werden aber über diese außerordentliche innere Ruhe und Stetigkeit des israelitischen Volkes noch mehr staunen, wenn wir einen Blick auf seine Verfaffungszustände werfen. Schon in Egypten bestand die Stammesabtheilung in Israel, denn sie war aus den Familien herausgewachsen und daher vor dem Volke da. Die mosaische Gesetzgebung ließ dieselbe nicht blos bestehen, sondern Pflegte ihrer. Sie baute den Volksbestand auf den Bestand der Stämme auf. Jeder Stamm sollte ein für alle Zeiten abgegrenz- .tes Gebiet besitzen, und selbst durch Erbschaft Landstücke des einen Stammes auf Personen des anderen nicht übergehen können; ein jeder Stamm hatte einen selbftgewählten Fürsten aus seiner Mitte an der Spitze, jeder seinen Heerkörper für sich gesondert. Hiermit war in dein Volke, so lange es sich auf diesem Grunde erhielt, die Stammesabtheilung verewigt. Erwägen wir, daß die mosaische Gesetzgebung mit derselben Energie die Selbstständigkeit der einzelnen Ortsgemeinden und wiederum das Bewußtsein der nationalen Einheit als „die ganze Gemeinde des Ewigen",- „alle Söhne Israels", „das Haus Israel," nährte und stärkte: so ist es offenbar, daß ihr der Bestand der Stämme als ein Mittelglied nothwendig erschien, um jeden Despotismus der Nationaleinheit oder des Gesammtstaates gegen das Selfgovernment der Ortsgemeinden und die persönliche Freiheit der Individuen zu verhindern, und von diesem Standpunkte aus konnte ihr daher auch die Frage: ob Republik oder Monarchie? bei aller Vorliebe für die erstere soweit gleichgültig erscheinen, daß sie die letztere für zulässig erklärte. Ein Blick auf den Verfolg der Geschichte erweist denn auch, daß sie sich nicht geirrt, wenn auch dieses Mittel bei dem Zunehmen des religiösen und sittlichen Verfalls der Nation nicht ausreichte, um den Sturz derselben zu verhindern. Welche andere Gefahr konnte aber nun aus diesem kräftigen Bestände der Stämme innerhalb der Nation hervorgehen? Die der inneren Kämpfe und Kriege zwischen den einzelnen Stämmen, um Obherrschaft und Gebietsvergrößerung. Unter den Stämmen gab es größere und kleinere, mehr und minder kriegerische: wie sollte nicht die Versuchung naheliegen, daß sie unter einander in Hader gerathen und unaufhörliche Zerüttung erfolgen'würde? Vergleichen wir, was für Kämpfe unter den hellenischen Stämmen geführt wurden, welch erbitterter Streit bei ihnen um die Hegemonie stattfand, und wie Griechenland hierdurch nach kurzer Blüthe unter das mazedonische und dann das römische Joch sank: so müssen wir eine ähnliche Erscheinung auch im israelitischen Volke voraussetzen. Aber das gerade Gegentheil erweist sich uns als Thatsache. Die Stämme leben fünf Jahrhunderte friedlich neben einander; friedlich einigen sie sich, eine Monarchie zu gründen, und als die Krone vom Stamme Benjamin auf den Stamm Juda übergehen soll, genügt der Hinweis auf die Bruderschaft/um die streitenden Parteien auf dem Schlachtfelde selbst zu trennen; in friedlicher Weise wird die neue Dynastie anerkannt. Wenn zu diesem Ergebnisse beitrug, daß vom Beginne an zwei ziemlich gleich starke Stämme bestanden, Juda und Ephraim, daß ferner Moses in der Wüste das ganze Volk in vier große Lager zu je drei Stämmen theilte„ so genügt dies doch lange nicht, es zu erklären, sondern wir müssen zwei große Momente hervorheben, durch welche es bewirkt ward, einerseits das ungetrübte, in, seiner Einfachheit freie Leben des Jndivi- -duums und der Ortsgemeinde, andererseits das starke Gefühl der Nationaleinheit in religiöser und nationaler Beziehung, gesichert durch die Feindseligkeit der umwohnenden Völker, welchen Israel stets ein' Eindringling in das Land und in seinem Wesen von markirter Opposition war. Sowie also die Stammesabtheilung ein schützendes Mittel gegen die Staatsdespotie, für das Selfgovernment und die individuelle Freiheit war: so waren wiederum die letzteren mit dem Bewußtsein der Nationaleinheit die schützenden Mittel gegen die Kämpfe- und den Zerfall der Stämme unter einander. Dies ist eine große Lehre, welche uns, ja der ganzen politischen Welt, aus 6*