Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 5 (30.1.1866)
- Date
- 1866-01-30
- Page
- Seite 71 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226527-3226533--23698-3251014- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
71 dem spendete der Jubilar 400 Thaler an das israelitische Waisenhaus zu Paderborn. Berlin, im Jan. Als einen jetzt vielfach ventilirten Gedanken wollen wir hier doch Folgendes nicht übergehen. Die hiesige „Gerichts-Zeitung" sagt: „Trotz aller Bemühungen des Schlächtergewerks, die Trichinen-Furcht zu bekämpfen, befestigt sich immer mehr die Ueberzeugung, daß die fürchterliche Trichinen-Krankheit wirklich existirt, und der jüdische Cultus, den man Jahrtausende hindurch wegen seiner Antipathie gegen die Schweine in Wort, Schrift und Bild verhöhnt hat, kommt allgemein zu Ehren. Man zweifelt gar nicht mehr daran, daß Moses und die alten egyptischem Aerzte, welche den Genuß des Schweinefleisches streng verboten haben, bereits mit der Trichinen-Krankheit bekannt gewesen sind. Jüdische Gelehrte versichern so- \ gar, in den alten jüdischen Schriften sei ausdrücklich die Satzung enchalten: „Ihr sollt nicht essen vom Schwein, denn es ist ein unreines Thier und Ihr erhaltet mit solchem Gewürm in Eure Leiber." Man erinnert sich auch, daß das Schwein noch einen anderen Parashten, „die Finne", in seinem Fleische beherbergt und daß schon viele Aerzte die Behauptung vertheidigt haben, die Finne verwandele sich im Leibe des Menschen,' wenn sie mit dem Schweinefleisch genossen werde, in den Bandwurm. Unserer Meinung nach verhält sich die königliche Staatsregierung bei der Trichinen- Angelegenheit viel zu passiv und läßt hier dem Self- Government einen zu weiten Spielraum. Man hätte die Resultate der Hederslebener Erlebnisse und die dort zu Grunde liegenden Ursachen durch strenge polizeiliche und medizinische Untersuchungen amtlich feststellen und publiziren sollen. Namenlich sollte man die Verhütung der Trichinen-Ansteckung nicht den verschiedenen lokalpolizeilichen Verordnungen überlassen, sondern ein-allgemeines Gesetz oktrohiren, resp. für den Landtag vorbereiten, welches die amtliche Untersuchung jedes Schweines, das geschlachtet werden soll, bei strenger Strafe befiehlt. Eine solche Maßregel wäre'sehr leicht durchzuführen und. würde sofort die Trichinenfurcht beseitigen. Die Juden haben seit Jahrtausenden im elenden, unterdrückten Zustande im Privatwege eine strenge Medizinal-Polizei durchgeführt, welche alles zu schlachtende Vieh durch sogenannte . Schächters'überwacht hat, weshalb soll der christliche Staat mit einer Obrigkeit, die volle Gewalt hat, nicht mit Leichtigkeit eine so einfache Maßregel durchführen können?" (Die „Gerichts-Leitung" vergißt, daß es Lei den Juden ein religiöses Gesetz war, und daß die Kraft eines solchen, so lange die Individuen es als solches anerkennen, eine ganz andere und stärkere ist, als politischen Gesetzen einwohnt.) Thorn, 10. Jan. (Privatmitth.) Im Laufe des Sommers fand hier die Rückkehr eines aus Uebereilung zum Christenthume übergetretenen Israeliten statt-. — Der hier im Winter vor. Jahres mit seiner Familie zum Judenthum übergegangene '.Engländer hat dieser Tage aus London eine nicht unbedeutende Summe Geldes zur Vertheilung an jüd. Arme eingesandt, so wie ein Dankschreiben für die Pflege und Unterstützung, die er und seine Familie hier gefunden, worin er auch hervorhebt, wie Gott chm nunmehr geholfen, und er," der bisher in bitterster Armuth gelebt, jetzt in allen seinen Unternehmungen vom göttlichen Segen begleitet sei. — In hiesiger Gemeinde ist auf Anregung des Rabb. Dr. Rahmer ein „MendelssoHn-Berein" begründet worden, der durch populär gehaltene wissenschaftliche Vorlesungen aus dem Gebiete der jüd. Geschichte und Literatur hauptsächlich den gegenseitigen Einfluß des semitischen und indogermanischen Geistes nachzuweisen zum Zweck hat. Die Beiträge sollen zur Unterstützung würdiger jüd. Studirenden aus hiesiger Gemeinde verwendet werden. Die erste Vorlesung des Rabb. Dr. Rahmer am Todestage Mendelssohn's wurde von einem zahlreichen jüdischen und nichtjüdischen Publikum besucht. Die Vorlesungen finden in' Zeiträumen von je vierzehn Tagen statt. — Die Bearbeiter der Targumim wird es interesstren, daß der hier weilende Dr. Abraham Rahmer (Bruder unseres Rabbiners) mit einer Herausgabe des seltenen Targums zur Chronik beschäftigt ist. In einem deutschen Anhänge wird ein alter lateinischer Coryrnentar zur Chronik ausführlich behandelt. Der erste Theil wird nächstens die Presse verlassen. Unsere Nachbarstadt Bromberg schickt sich an, etwas zur Hebung des daselbst sehr im Argen liegenden jüd. Schulwesens zu thun. Es werden Schritte zur Errichtung einer jüd. Gemeindeschule nach Muster der hiesigen wohlgeordneten, gethan. — In Jnowrazlaw ist es endlich gelungen, die Missionsschule daselbst brach zu legen. —