Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1866)
- Date
- 1866-01-23
- Page
- Seite 49 (sequence 3)
- Language
- German
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hatte sich bereits, eines großen Lheils zu einer Zeit bemächtigt, wo man noch keine Ahnung davon hatte; sie lag . schon dem kabbalistischen Mysticismus zu Grunde, der dafür ein phantastisches Traum- und Wahngebilde an die Stelle setzen wollte, sie höhlte den Inhalt schon aus, im öffentlichen wie häuslichen Cultus, als die Autorität noch unbezweifelt war. Der moderne Mensch ist eben kein Kind des letzten Jahrhunderts, sondern mehrerer vergangener Jahrhunderte. — Da bietet denn das Judenthum einen ganz anderen Anblick. Gerade der dogmatische Inhalt desselben belebte sich von Neuem, gewann, nach Innen und Außen eine neue fast jugendliche und schöpferische Lebenskraft,, eine neue, Herrschaft über die Geister und ward zum eigentlichen unauflöslichen Bande, aller Bekenner des, Judenthums — während die rituellen und ceremoniellen Lebensformen des Judenthums in eine, große Bewegung und Zersetzung geriethen. Allerdings^ . gingen hieraus sehr verworrene Zustände auch innerhalb, des. Jydenthums hervor. Auch hier erstand eine starke Reaction, um die ganze Burg der überkommenen Satzungen, zu erhalten und zu vertheidigen; auch hier erhob. sich, dieser Reaction gegenüber, eine Verneinung, welche mit der ganzen Satzung tabula rasa machen wollte; auch hier: gingen die mannichfaltigsten Ausgleichungsversuche vor, welche im öffentlichen. Cultus, wie im häuslichen Leben; die verschiedenartigsten Gestalten hervorbrachten. — So zeigt uns überall das Gebiet der positiven Religion ein Bild der .Verworrenheit, der entgegengesetztesten-Strebungen, der Kämpfe und Parteiungen und sonderbarsten Gestaltungen. Und um so öfter drängt sich die Frage auf: welche die Zukunft der Religion. sein werde?! ~ Wer diese Frage mit Ernst und ohne sich in Träumereien zu verlieren, beantworten will, muß sich an das halten, was bereits geschehen ist. So viel hat sich entschieden herausgestellt, daß die Versuche, neue Kirchen zu gründen, völlig verfehlt sind. Ja, nicht einmal innerhalb der; bestehenden Kirchen neue, auf die. Reform basirte Secten zu bilden, gelang in dauernder Weise. So vegetiren nur' noch die sg. freien religiösen Gemeinden, der anfänglich mit so großem Jubel aufgenommene Deutsch-Katholicisnms .und selbst die jüdische Reformgenoffenschast blieb auf ihr Dasein in der Berliner Gemeinde beschränkt, trotzdem letztere sich von der Muttergemeinde niemals lösen und eine konkrete. Existenz als Gegensatz zur. Orthodoxie niemals beanspruchen wollte. Uw so weniger Bedeutung nkann: man jenen, namentlich in, Frankreich und in der deutschen Belletristik mehrmals ausgesprochenen Hoffnungen: es werde in baldiger Zeit irgend. Wer kommen, der-die Religion, der, Zukunft gründen werde, eine neue Offenbarung,- zwar nicht des göttlichen, doch, des menschlichen Geistes — zusprechen. Unsere Zeit ist am wenigsten geeignet, die Gesammtheit der religiösen Anschauungen und Ueberzeugungen durch irgend, ein e, und sei es die genialste Persönlichkeit, auszusprechen, das religiöse Wesen so in einem Individuum zu concentriren, daß es eine überwältigende Kraft selbst nur auf einen großen Bruchtheil der Menschen ausübe. So groß auch die Wichtigkeit und Wirksamkeit dieser und. jener Individualität noch heut zu Tage ist, so ist doch an die Stelle der Individualitäten. die Menschheit getreten, und. keine jener kann der. Allgemeinheit so entsprechen, daß sie zu. einem Organ und Herold derletzteren , werden, könnte. Es bleibt uns also auch für.,die Religion nichts Anderes als die geschichtliche Entwickelung übrig, d. h. die Entwickelung aus dem Bestehenden heraus durch die Entfaltung des Geistes, der Zustande und Bedingungen. Wir wissen nämlich nun,, daß die, Religion ein unzerstörbares Element des menschlichen Wesens .ist; wir wissen, daß dieselbe nicht.-in-der. Luft schweben und auf ein paar Allgemeinsätze sich beschränken könne, sondern allerdings von positivem Inhalt und konkreter Gestalt sein müsse; wir wissen ferner, daß diese sich nicht so von ungefähr und von- Neuem schaffen laffen, sondern eines geschichtlichen.Daseins bedürfen.,. Alle Vorgänge und Erscheinungen auf dem religiösen Gebiete! in. unserer, Zeit find .aus der. Entwickelung hervorgegangen, .sindnoch? wendige Erzeugnisse derselben. Nicht- Einzelne haben sie gemacht, nicht für Einzelne und innerhalb einzelner Kreise sind sie geworden. Und darin — besteht auch die Zukunft der Religion. Allerdings-sind auch Irrungen, und Fehlgriffe, Extravaganzen und Auswüchse,- Einseitigkeiten, und Extreme die Begleiterinnen jeder Entwickelung - — aber mitten durch jene hindurch ringt sie sich den Wahrheit und dem Rechten zu, und sie selbst, wenn man sie frei walten läßt, , ist die beste Verbessererin-ihrer , Fehler. Also .die Zukunft der Religion liegt allein in - der, Fort- und Weiterentwickelung. Diese, will den Faden nicht abschneiden und das Bestehende und Positive, nicht - Umstürzen; diese will nicht etwas Nagelneues schaffen^ was/doch keine Wurzeln und keine. Lebensdauer hätte;, sondern sie will nur. das entfernen, was, aus dem Bewußtsein.der Menschheit geschwunden; was diesem widerspricht, will/sie 4*