Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1866)
- Date
- 1866-01-23
- Page
- Seite 48 (sequence 2)
- Language
- German
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,48 Ui ■ i r, Ursprung verdankte. Anders der Katholicismus, welchem zwar dieselben Dogmen zu-. Grunde liegen, der -aber darauf -ein' so genau organisirtes, festgefugtes l Gebäude aufgerichtet hat, daß kein Stern aus demselben genommen werden darf, ohne den Zusammensturz des ganzen Bauwerkes zu bewirken, der daher allen Gegnern dze j glatte Mauer , einer Vefte^-bietet., ,.Jm Innern des Katholicismus Kann 7 kein' Feind erstehen, ünvon innen heraus die Zerstörung anbahnen; alle Versuche der Reform, der Ausgleichung, der Vereinigung mit dieser oder jener Zeittendenz werden sofort; ausgeschieden, und' die katholische Kirche kann wohl dadurch irgend ein Terrain ihrer Herrschaft verlieren, aber sie selbst bleibt, an. sich unberührt und unerschüttert. Die Folge hiervon ist, daß einerseits, zwar die Zahl der unbedingten Gläubigen und Anhänger in der evangelischen Kirche sehr zusammenschmolz, doch aber die Freiheit, die ihr einmal'einwohnt, die ^renyung und - den Abfall von ihr nicht zur Nothwendigkeitmacht, so daß: alle Zeiterscheinungen sich gewissermaßen mit ihr vertragen können; daß aber im Gegentheil der.Katholicismus in seiner bewußten Abgeschlossenheit,, Unnachgiebigkeit und Unabänderlichkeit zwar eine .starke Herrschaft über große Massen und reale Gewalten behielt, in desto größeren Widerspruch aber mit der ganzen, Entwickelung der Zeit, mit. allen Bedürfnissen und Lebensbedingungen. derselben gerieth, sich ebenso heftig gegen diese erklären mußte, wie diese ihn verneinen und bekämpfen müssen. — - .. In ganz anderer Weise wirkt die Zeit:/auf das-Judenthum. , In diesem sind die eigentlichen Dogmen so einfacher, logischer, der Vernunft und dem Herzen, der Erkenntniß der . Natur und des Lebens an sich so wenig widersprechender Art, daß mit Ausnahme der Verneinung, keine Art des Denkens, und des Wissens ihnen gegenübertritt, mit ihnen nicht vereinbar wäre. Nur'der Atheismus und Materialismus sind, die Gegner des jüdischen Dogma's, denn schon der Pantheismus hat sich mit ihm auszugleichen versucht , so sehr dieser auch dem wirklichen Geiste des jüdischen Dogma's widerspricht. Die Lehre von einem einzigen, unkörperlichen Gotte, dem Schöpfer der Welt, die Lehre von der Welt, von der menschlichen Seele,, von -er Bestimmung des Menschen, die allgemeinen Gesetze von der Nächstenliebe, von der Gerechtigkeit und Heiligung, wie sie als Fundament , des^ Judenthums .ausgesprochen sind/, konnten weder. vom Rationalismus, noch vom Kriticismns erschüttert werden. Aller. Streit über.,das.,.SMrnaturalistische, sowie über die-'Geschichtlichkeit, der Berichte und Erzählungen in unserer heiligen Schrift, über die Abfasser und AbfassungsKitder Bücher derselben hat mit der Anerkennung mmd Ueberzeugungskraft jener Dogmen durchaus nichts zu schaffen. Ja, es geschah, daß gerade unter dem Einflüsse jener beiden >Factoren der neueren Zeit glänzende Parüen des Mosaismus wieder aufgedeckt wurden, welche der Staub der Zeiten-zugedeckt und den Blicken -es Geistes entrückt hatte, wir meinen die großen socialen Principien, die der Mosaismus ausgestellt hat und nach deren Verwirklichung -erst die. heutige Menschheit mit Bewußtsein ringt. — Dahingegen waren es die Lebensformen, die rituellen und ceremoujellen Satzungen des. Judenthums, auf welche die Anschauungen und Strömungen der neueren Zeit erschütternd und auflösend wirkten. Nach' der Tendenz des Mosaismus, Lehre und Leben zu idenüficiren,, und auf dem Grunde seiner religiösen Dogmen ein konkretes Volksleben aufzubauen, mußten schon von ihm solche Lebensnormen gegeben werden. Auf dieser Grundlage schuf nun der Talmudismus, um die jüdische Lehre vor dem Anfluthen der Zeiten und das jüdische Volk vor 5 dem Aufgehen und Sichselbstverlieren innerhalb der Nationen zu schützen, ein ausgedehntes System des äußerlichen Lebens, welches durch die Ausschließung, welche die neuerstandenen Religionen gegen die Juden übten, um so fester und enger wurde. So nothwendig dieses großartige 'Erzeugniß in sich und durch die geschichtlichen Bedingungen war, eben so nothwendig erfolgte diese Erschütterung und theilweise Auflösung durch die Einwirkung aller dev Vorgänge und Einflüsse, die wir in unserem ersten Artikel geschildert haben. Es wäre eine Täuschung, wenn Man behaupten wollte, daß lediglich die zwingende Gewalt des wirklichen Lebens es gewesen und es noch sei, welche bei zahllosen Individuen die Gültigkeit und Ausübung der jüdischen Satzungen und Lebensformen gelockert, theilweise oder fast ganz beseitigt'habe. Es wäre dies nur eine sehr zweideutige Rechtfertigung^ Vielmehr trat auch der rationelle und kritische Geist, die ästhetische und wissenschaftliche Bildung-, die ganze Anschauung des modernen Menschen mit jenen in den Kampf, verneinte ihre unbedingte Gültigkeit, behauptete ihr 'geschichtliches Werden und darum ihr geschichtliches Absterben, untergrub die Gedanken- und Gefühlswelt, die in ihnen lebte, und machte so viele derselben zw leeren Formen, die dann eine kühnere Hand zerschlug. Nur muß man sich nichteinbilden, daß diese Anschauungsweise erst von gestern und vorgestern her datirt; sie