Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 3 (16.1.1866)
- Date
- 1866-01-16
- Page
- Seite 37 (sequence 19)
- Language
- German
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was ihn aber nicht abhielt, strebsamen Jüngern täglich den Talmud zu lehren und zeitweise aüch höchst scharfsinnige, pilpulisüsche Vorträge zu halten. Mehrere gegenwärtig funktionirende' Rabbiner in Deutschland und Frankreich waren seine Schüler und bereiteten sich unter seiner Leitung zu ihrem rabbinischenBeruse vor. Für eine solche Thätigkeit gab es damals weder Aufmunterung Noch nutzere Anerkennung. Außer einigen Notizen in den von K. edirten Schriften hat er nur einige talmud. Novellen in dem Werke Oosobou basahab veröffentlicht. Wie wenige Talmudisten der ulten Schule erwarb er sich eine moderne wissenschaftliche Bildung, und einer der besten hiesigen Mathematiker nahm in diesem Fache noch bei ihm Unterricht. Auf altorthodoxem, Standpunkte stehend, las der Selige doch Alles, was die neue kritische Schule herausgab und selbst der Chaluz war chm keine verpönte Lecture. Den Romantikern und Schülchan-Aruch-Lamdanim stand er ferne und an Gesinnung, Geist und Tüchtigkeit ihnen überlegen, trat er mit Zustimmung der anderen hiesigen talmud. Koryphäen, des R.'s Trier u. A. Fuld s. A. offen gegen das Verbot nn'75 »rinn <mf, das seit jener Zeit aus unserem Codex als gestrichen zu betrachten ist. Die alte Schule suchte überhaupt nicht den bekannten Vorwurf: „Was nützen uns die Talmudisten, sie erlauben uns doch niemals Zeinen Raben zu essen", noch durch aufgesuchte Erschwerungen zu bestärken, wie solche täglich die orthodoxe Presse auftischt — wir erinnern nur, mit welchem Aufwands über die, große Frage über den Gebrauch des emaillirten Kochgeschirres i und Aehnliches debattirt wurde —^ sondern sie stellte sich die Aufgabe, den Zeitverhältnissen diejenigen Concessionen zu machen, die im Talmud ihre Berechtigung finden, unbekümmert, was die spätere Casuistik auch dagegen eruirt. Andererseits wird dieser Schule die unfruchtbare Geistesverschwendung in ihren Lehrvorträgen vorgeworfen; wir wollen diese nun keineswegs in Schutz nehmen, wir freuen uns vielmehr, daß sie der neuen kritischen Methode gewichen-ist, jedenfalls sind aber solche Geistesblitze den symbolischen Harlequinaden vorzuziehen, die uns von der Romantik so oft vorgeführt werden und wie erst unlängst unser einfaches schönes Schemone Esre den Stoff hergeben mußte zu einer albernen Gruppirung der Opfer- und Gebetstücke. — Wir betrauern daher jedes Glied, das aus der verengten Kette der alten Schule gerissen wird, welcher Verlust für jede religiöse Richtung um so unersetzlicher ist, da selbst, die orthodoxen Treibhäuser'für jüd. Wissenschaft nicht im Stande sind, eine Pflanze wie die abgestorbene heranzuziehen. K. * Preußen. Berlin, 1. Jan. Der Besichtigung, welche Ihre Majestäten am 28. v. M. mit der hiesigen neuen Synagoge Vornahmen, folgte gestern ein Besuch des Herzogs Georg von Mecklenburg und dessen Gemahlin, der Großfürstin Katharina von Rußland. Was den ersten Besuch des hohen Königspaares betrifft, so erfährt man noch nachträglich, daß namentlich Ihre'Majestät die Königin sich über den Verlust zu äußern geruhte, welchen die hiesige jüdische Gemeinde durch den Tod ihres Predigers und Rabbiners Dt. Sachs, erlitten, und. dann über die Theilnahme, welche der verstorbene Or. Veit den Gemeinde-Interessen zugewandt habe. — «Als Ihre Majestät die Königin vor einigen Monaten in Paderborn .war, beehrte sie sämmtliche. katholische Wohlthätigkeitsanstalten, große und kleine, mit, ihrem Besuche, auch die katholische Blindenanstalt dicht neben dem jüdischen Waisenhause; an dem letzteren aber ging sie vorüber, obschon es an Schönheit und Zweckmäßigkeit im Aeußeren wie im Inneren vor vielen Anstalten der Stadt hervorleuchtet, und der k. Landrath es in seinen besonderen segensreichen Schutz genommen hat. Als in Coblenz, wo Ihre Majestät seit vielen Jahren die Sommerresidenz hält, die neue Synagoge eingeweiht wurde, versprach man sich die Gegenwart, oder doch nur den Besuch der Königin; beides blieb aus, obgleich die Synagoge, der.geordnete Gottesdienst und-die gute Predigt in ihr lange Zeit, viele Damen der dortigen höchsten Kreise zu öfterem Besuche anzog.); :? Berlin, 5. Januar. lPrivatmitth/- Der bekannte Aesthetiker und Psycholog, Prof. Lazarus in Bern, will seine Professur an der dortigen Universität nieder? legen und nach Berlin zurückkehren , , um dort Muße -zur Ausarbeitung eines größeren völkerpsychologischen Werkes zu finden. Jndeß ist sein Weggang von Bern darum noch nicht ganz gewiß, weil' er sowohl vonder Berner Regierung, die an ihm den bedeutendsten Lehrer der dorügen Hochschule!zp verlieren hat,-als. auch von seinen - zahlreichen persönlichen 1 Freunden apf.das