Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1866)
- Date
- 1866-01-09
- Page
- Seite 20 (sequence 6)
- Language
- German
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sagt irgendwo von sich selbst, daß, wenn sein Genius . ihn zum Bühnen-Dichter gemacht hatte, er die plastischen, lebenskräftigen biblischen Geschichten, — furchtbar und zerstörend, wie die Natur, aber auch einfach und erhaben, wie diese, — allen , anderen Stoffen vorgezogen haben würde, — ganz besonders aber den Worten und Thaten der neuen Menschen, die da abgeschmackt sündi- - gen und noch viel abgeschmackter edle Handlungen verrichten. Biblische ' Stoffe — d. h. biblische Persönlichkeiten und Ereigniffe — zu dramatisiren, ist, wie Jeder weiß, schon lange nichts Neues, nichts Seltenes mehr. — Kann man ja doch sagen, daß die heutige Bühne überhaupt ans den alten „religiösen Schauspielen", den sogenannten „Mysterien", hervorgegangen. Und wer nur einigermaßen. in der Literatur der Comödie bewandert, der weiß, daß Mehul den „Vater Jacob" und dessen „zwölf Söhne", Rossini den „Moses", A l f i e r i und G r u - ber den „Saul",, wie den „David", Racine die Königinnen „Äthalia" und „Esther", Verdi den „Nebukaduezar" sammt dem „Daniel" — und viele andere Dichter und Componisten noch viele andere biblische Männer und Frauen auf die Bühne gebracht haben.— Wie dies geschehen, — d. h. ob man dabei mit größerer oder geringerer Treue, resp. mit mehr oder weniger Willkür verfahren, —- darüber hat die Kritik, in jedem einzelnen Falle, längst entschieden. — Und, wahrlich! sie (die Kritik nämlich) ist — und zwar mit Recht — gegen alle die Autoren, so da bei der Dramatisirung biblischer Stoffe mehr der eigenen Phantasie als dem Texte gefolgt waren, immer noch schonender und rücksichtsvoller gewesen, als gegen Diejenigen, welche aus dem großen und weiten Sack der Weltgeschichte ihre Sujets sich geholt und selbige alsdann ganz nach Laune und Willkür bühnenfertig zugerichtet hatten. — In Frankreich namentlich hat man gesagt, daß alles Biblische, gleichviel ob alt- oder neutestamentlich, — wenn man es in seiner unverfälschten Nacktheit vor die Lampen brächte — weit weniger gefallen und befriedigen, weit weniger amüsant, interessant — und besonders weit weniger piqnant sein würde. — Indessen hat man so hinsichtlich der Facta gedacht, während man dagegen die der Bibel entlehnten Figuren nie urgestaltlich genug der schaulustigen Menge vorführen konnte. — Den schlagendsten Beweis hierfür liefert „das verlorene Paradies", eines der neuesten Pariser Volksdramen, welches hinsichtlich der Behandlung der dabei auftretenden biblischen Gestalten die Grenzen aller bisherigen Frivolität überschreitet und in Folge dessen eben die größte Zugkraft übt und nicht oft genug kann zur Ausführung gebracht werden. — Doch nicht dieses Stück ist es, worüber wir hier referiren wollen, vielmehr eines, welches etwas weniger frivol und. leichtfertig gehalten, obschon diese Eigenschaften an ihm immer noch stark genug hervortreten, um auf den ersten Blick schon erkennen, zu lassen, daß nur Paris der Boden sein könne, dem diese Pflanze entsprossen, so wie Paris wiederum nur ^der, Ort, wo man mit solchem Producte gerade aus immensen Erfolg zu rechnen habe. — Das Drama, das wir meinen, heißt: L6 deluge, „Die Sündfluth" und hat zu seinen Vätern die Herren Lirnuckin und Clairville. Das Stück hat sehr, viele. Personen; doch die hervorragendsten Gestalten sind: Noah und dessen Sohn Japhet, James und dessen Tochter Eva, Kleophas uyd dessen Dienerin Theobais. Unter diesen 6 also nur 2 biblische Figuren. Doch dies thut wenig oder gar nichts zur Sache. Die Bibel ist hier überhaupt nur Staffage, das Bild selber aber ist die „Tendenz", welche die Verfasser des Stückes durch dasselbe eben zur Schau stellen wollen. Das Stück ist durch und durch tendenziös, —, wohin man sieht, kann man die „Absicht" mit Händen greifen. — Die Fabel ist einfach die, daß Japhet, welcher die reizende Eva, die Tochter des reichen James, bis zur Raserei anbetet, in dem hochgelehrten Kleophas einen gar gefährlichen Nebenbuhler findet, der aber wiederum durch seine heftige Neigung für Eva die Eifersucht seiner ihn liebenden Sklavin Theobais aufs Höchste erregt,—- woraus ein großes Jntriguen-Netz sich spinnt, das. indessen von der plötzlich eintretenden „Sündfluth" völlig zerrissen wird und von all seinen Fäden, den stärkeren wie den schwächeren, auch nicht eine Spur auf Erden zurückläßt. — Aber auch diese „interessante Liebesgeschichte" ist etwas Nebensächliches, gegenüber dem erhabenen Relief, als welches der „schroffe Gegensatz zwischen Noah und Kleophas" aus dem Gesarnmt-Ta- Lleau hervortritt. — Während nämlich Noah das lebendige Symbol ist des frommen Glaubens, erscheint der heidnische Magier Kleophas als die Verkörperung des Denkens, Forschens und Wissens. Noah nimmt — ohne Grübeln — Alles, wie es kommt; Kleophas ist rationalistischer Theolog und hat für jedes Wunder eine na-, türliche Erklärung. Noah sieht an, steht still und staunt, Kleopas rhlickt nach allen Seiten, wie nach oben hin, 'und — berechnet. Zuletzt endlich triumphirt der Glaube, was deutlich genug dadurch veranschaulicht wird, daß :