Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1866)
- Date
- 1866-01-09
- Page
- Seite 16 (sequence 2)
- Language
- German
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Grundsätze der Gerechtigkeit und Duldsamkeit empfangen, das kann uns eine Frage' sein. Wenn wir mehr als fünf-' zehn Jahrhunderte im Namen desselben Christenthums die grausamsten Ausschließungen und Verfolgungen zu dulden hatten und von unseren christlichen Mitbürgern zu- .rückgestoßen, verhöhnt, wenn nicht gemißhandelt wurden; wenn unsere Glaubensgenossen in der Hauptstadt der katholischen Welt vom päpstlichen Regiment, also sicher im Namen des Christeuthmns, in unerträglichster Weise bedrückt werden; wenn in Spanien in demselben Namen die Inquisition hunderttausende von Scheiterhaufen errichtete, und erst in diesen Tagen in Schweden im Namen des Protestantismus den Katholiken und Juden die Wählbarkeit abgesprochen wurde — doch wir wollen solcher Thatsachen nicht noch mehrere aufzählen — so müsien wir doch bezweifeln, ob Franz von Baader die rechte Ansicht vom Christenthum gehabt, als er obige Meinung aussprach. — Franz v. Baader war Katholik: wie hätte, er nun die oben gezeichneten Grundsätze mit der päpstlichen Encyklika vereinbaren können? Oder ist es in der protestantischen Kirche anders? Lesen wir nicht fast täglich Aussprüche frommer protestantischer Pfarrer, welche jede Duldung gegen die Juden verdammen, und die Gleichberechtigung aller Bürger mit allen ihren Kräften bekämpfen? Diese höchsten Grundsätze des Staates müsien also doch wohl ganz anderswo liegen. Wirwissen sehr wohl, daß es eine Sisyphusarbeit ist, die einmal eingewurzelten Mißverständnisse und Vorurtheile gegen das Judenthum und besonders auch gegen die h. Schrift zu bekämpfen. Hundert Male sonnenklar widerlegt, kommen sie zum hundertsten Male wieder, und zwar in unverminderter Kraßheit zum Vorschein.. Dennoch scheint es unsere Pflicht, nicht davon abzulassen, und selbst wenn wir keines anderen Erfolges uns zu erfreuen hätten, als die Juden selbst vor der allmähligen Annahme derselben zu schützen, die sich durch die beständige Lektüre der allgemeinen Literaturerzeugnisse auch bei ihnen nach und nach fühlbar machen könnte, , hätten wir nicht umsonst gearbeitet. Wenigstens ist es dann aber räthlich, solche Produkte mit Stillschweigen zu übergehen, in welchen überhaupt die Gehässigkeit und die Bornirtheit die Feder geführt haben, und sich auf diejenigen zu beschränken, in welche sich'nur Unkenntniß, Mißverständniß und hergebrachtes Vorurtheil eingeschlichen haben. Heute ein.Beispiel. Wir haben schonen diesem Blatte der vor Kurzem-erschienenen „Geschichte der Bereinigten Staaten von Amerika von K. F. Neu mann" erwähnt. Sie ist die gründlichste Arbeit,. die über diesen Gegenstand-bis jetzt veröffentlicht worden. Sie geht nicht blosvow.denfreisinnigsten, sondern von den radikalsten Grundsätzen aus. Dennoch finden wir folgenden, jedes Geschichtsforschers unwürdigen Ausspruch darin lBand l. S. 68): „Die Puritaner wollten, nach dem Muster des Men Testaments, ein streng theokratisches Regiment einführen. Die Fronunen, die Heiligen sollten als Stellvertreter Gottes ' auf Erden nach den Vorschriften Moses regieren. Eswar'unmöglich. Der geistliche Absolutismus, die jüdische Berfolgungs- und Mordsucht stand mit der germanischen und evangelischen Freiheit, mit der Selbstbestimmung' der Gemeindemitglieder, mit dem besseren Sinne der Prediger und der ganzen fortgeschrittenen Bildung im schreienden Widerspruche." , Wir hätten von Herrn NeumanN wohl verlangen können,, daß er sowohl wissen als.bemerken, mußte, wie die Puritaner ihre dogmatischen und socialen 'Grundsätze aus der h. Schrift nur mit der völligsten Verkennung und Verdrehung gezogen haben. Wir brauchen hierauf nicht näher einzugehen, da dies genügend anerkannt, und von uns erst bei. Gelegenheit der Jubelfeier Calvins besprochen worden, ist. Schwerer aber wiegt der Ausdruck „die jüdisch e Verfolgung s- und Mordsucht"! Dies ist eine historische Lüge! Mit welchen Thatsachen kann Herr Neumann eine, „jüdische Berfolgungs- und Mordsucht" Nachweisen? Wenn die-Tafeln der Geschichte mit Blut geschrieben .sind : welche Völker und welche Religionen haben , die meisten derselben mit Unthaten der Berfolgungs- und Mordsucht '' bedeckt? Wo sind die Stellen, an denen dies die.Juden gethan? Kein Historiker, der die jüdische Gesetzgebung mit der aller anderen, alten Völker und mit der des gesammten Mittelalters vergleicht, wird leugnen, daß die erstere vor allem durch ihre Milde und Humanität, durch die Beseitigung aller Foltern, Martern und harten Strafen geglänzt, und daß selbst die moderne Gesetzgebung noch Vieles von ihr lernen kann. , Waren es nicht die jüdischen Gesetzgeber, unter welchen zuerst die Todesstrafe perhorrescirt, darum möglichst beschränkt, und sogar , von Einigen aufgehoben gewünscht ward, und dies im Zeitalter der römischen Cäsaren, wo die Menschen an Blut und gerichtlichen Mord genügend gewöhnt waren? — Wenn Herr N. endlich von der „Selbstbestimmungder . Gemeindemitglieder" spricht, so. hätteer ' wissen müssen, baß es niemals ein freieres Gemeinde-