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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1865-12-26 · Heft 52 (26.12.1865) · p. Seite 810

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
29 (1865)
Issue
Heft 52 (26.12.1865)
Date
1865-12-26
Page
Seite 810 (sequence 10)
Language
German
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810 Freiheit zu geben. Zur Charakteristik seines Undanks, der seiner Rettung auf dem Fuße folgte, ist eS absolut nöthig, daß man einige Umstände sich ins Gedächtniß rufe. Dieser Undank war kein negativer, der sich in der Unterlassung der Dankespflicht äußerte; es war zudringlicher, ostensibler Undank, dessen gehässige Wirkung den Betheiligten unmöglich erspart Llieb, eine Gesinnung, in welcher freilich der Gerettete von seinem geistlichen Oberhirten, dem Missionsbischof Selwhn, unterstützt wurde. Hören wir, wie sich ein Journal der Colonie Auckland über dieses Benehmen äußert: „Nicht ohne Schmerz werden die Einwohner dieser Stadt von dem Briefe Kenntniß genommen haben, welchen der Rev. T. S. Grace in zwei hiesigen Tagesblättern gestern erscheinen ließ. Undankbarkeit ist schon beim Privatmanne das niedrigste der Verbrechen, bei einem Diener des Evangeliums ist sie über allen Ausdruck verdammenswerth. Allen jenen, die bei seiner Rettung ein Werkzeug gewesen, stattet Herr G. seinen Dank ab, mit Ausnahme von Zweien, und dies sind gerade die beiden Männer, die allein ihr Leben für ihn wagten und ihr Eigenthum für ihn opferten... Als dieser Gottesmann sich auf dem Verdecke des Kriegsschiffes in Sicherheit befand, ließ er sich nicht einmal herbei, Herrn L. für seine Erhaltung zu danken; ja er ignorirte und sprach kein Wort mit ihm. Als aber die Offiziere und die Mannschaft des königl. Schiffes Eclipse mit den Gesinnungen freier Engländer ein dreimaliges Hoch auf den braven Capitän ausbrachten, da trat der Bischof Selwhn vor und versuchte sie zu bedenken, daß „Herr Grace ein Gottesmann sei?' Das heißt wohl so viel, ein Gottesmann kann sich von einem Juden ohne Umstände retten lassen, ohne daß er ihm zu danken brauchte; und für einen Dritten ist es in hohem Grade unschicklich, einer so edlen That im Beisein des Gottesmannes seine Anerkennung zu zollen .Wenn Priester der Religion so sehr die ersten Grundsätze christlicher Liebe und Milde vergessen können, wie mögen wir uns wundern, daß halbbekehrte Wilde in einen schlimmer» Stand der Barbarei zurücksinken, als der war, worin wir sie zuerst fanden." Wenn wir uns erlauben, an diese Darlegung des Sachverhalts einige flüchtige eigene Bemerkungen zu reihen, so hoffen wir damit den Gefühlen mancher Ihrer Leser Ausdruck zu leihen. Wir können nicht ' umhin, über das Benehmen des Heidenbekehrers Grace uns ein entschiedenes Urtheil zu bilden, und zur Hochachtung gegen ihn verpflichtet uns sein Benehmen eben nicht. Auch sind wir überzeugt, daß er sich und seinem Werke durch sein Gebühren in der Colonie und auch anderswo am meisten geschadet hat. Allein wir verdammen ihn nicht, denn Dank ist freiwillig; und wenn die Niedriggesinnten sich nicht entschließen können, Dank zu äußern, so sind die Edlen hoch genug gestellt, um des Dankes zu entrathen. Mit jeder Gut- und Großthat 'erobert sich das Herz eine Weite des Gesichtskreises, eine innere Freiheit und Ungebundenheit, welche über die Erwartung des Dankes den Geist weit hinwegheben. Wir verdammen Niemanden, am wenigsten den Stand und Beruf des Herrn Grace. Wir denken an Lesfings besonnenes Wort: „Wenn Jsmenor ein grausamer Priester ist, sind darum alle Priester Jsmenors? ... So falsch war noch keine Religion in der Welt, daß ihre Lehrer nothwendig Unmenschen sein müssen." Wir gedenken ferner an R. Hillel den Alten, der da gesagt: „Was du nicht willst, daß man dir thu', 'das füg' auch keinem Andern zu." Unser Tadel, unser Protest aber richtet sich nach der einzigen Seite hin, von wo eine Begriffsverwirrung ausgegangen ist und gewiß noch lange ausgehen wird. Wir protestiren gegen den Misbrauch der christlichen Jahrhunderte, welcher die Liebe in ein confessionelles Gewand gekleidet und den Sprachen Europas den Begriff einer „christlichen" Liebe aufgedrängt hat. Wir protestiren gegen diese „christliche" Liebe, als einen sittlichen Adelsbrief, den die Christenheit sich selbst ausgestellt hat und welcher von der außerchristlichen Welt noch nicht bestätigt ist. Wir protestiren gegen diesen Adelsbrief, denn Niemand kann sich selbst promoviren, sich selbst adeln, auch Völker nicht, auch Religionen nicht. Wir könnten zwar restitutio in integrum beanspruchen: wenn die Liebe überhaupt confessionnell sein soll, so belasse man sie doch da, von wo man sie geborgt hat. Es war die jüdische Liebe, Aeonen bevor es die christliche wurde. Allein wir verzichten auf diese Wiederherstellung: weder mir, noch dir soll sie angehören! — es sei und bleibe die menschliche Liebe, die allgemeine Milde! — Was die Anerkennung betrifft, die man uns bei solchen Vorfällen mit sichtlicher Herablassung dar-

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