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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1865-12-26 · Heft 52 (26.12.1865) · p. Seite 807

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
29 (1865)
Issue
Heft 52 (26.12.1865)
Date
1865-12-26
Page
Seite 807 (sequence 7)
Language
German
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807 Vie Wahl des'Großrabbinen des Central-Consistoriums zu vollziehen haben; außerdem ist ein Mitglied des Pariser Central-Consistoriums zu wählen. Hinsichtlich der elfteren Wahl ist nicht zu verkennen, daß sich ein viel lebhafteres Interesse äußert als die früheren Male. Das Iudenthum unsrer Zeit ist reifer geworden, und in den Herzen Zahlloser ist die völlige Apathie geschwunden, die früher sichtbar war, wenn der Eifer auch noch lange nicht ein hoher und nachhaltiger ist. Man fühlt doch jetzt allgemein, daß die Ansprüche, die man an den Großrabbinen zu stellen hat, höherer Art und größeren Umfanges sind; man will nicht mehr dieses Stillleben und diese Zurrückgezogenheit, welche zwar den Frieden nicht stört, aber auch nicht die friedhöfliche Stille, die man zwar den Todten, aber nicht den Lebenden wünschen mag; rpan verlangt, daß der Großrabbine zur Belebung und Hebung des Judenthums seinen Theil mitwirke, und hierin Allen ein Vorbild sei, und nicht bei den Laien ein Interesse beanspruche, für welches er, obschon Fachmann und bezahlt, weder Hand noch Fuß rührt; er soll für die Herstellung der Predigt, des geregelten Religionsunterrichtes, für die Belebung des höheren theologischen Studiums, für den gesetzmäßigen Fortschritt des Kultus thätig sein, und besonders auch das Judenthnm nach außen vertreten, und es energisch gegen die sich jetzt öfter als früher wiederholenden Angriffe der Uttramontanen und Radikalen vertheidigen; er soll sich hören und sehen lassen, nicht aber in Dunkel und Schweigen hüllen. Gerade weil diese Wünsche lebhafter geworden, ist man auch regsamer; es treten Candidaten auf, es regnet Programme, Circuläre, Ansprachen; es findet Bewerbung und Reibung statt. Wir wissen sehr wohl, daß, wenn solch ein Wahlkampf vorüber ist, bald wieder Stille eintritt; man ruht aus und denkt an andere Dinge. Aber das schadet doch nicht; kommt Enttäuschung, bringt die Zukunft doch wieder nichts Anderes, so wird ein ander Mal die Bewegung um desto kräftiger; was einmal vorhanden, geht nicht wieder verloren. — In Bordeaux hat das Consistorium die Errichtung einer Schule für Vorbeter beschlossen. In Straßburg ist eine tiefe Spaltung in der Gemeinde ein getreten, die sich zwar zunächst an die Einführung der Orgel knüpfte, aber mehrere und schon ältere Ursachen hat. Schweden. Stockholm, im Dec. (Privatmitth.) Alle veralteten Institutionen kommen zu Falle, auch wenn sie noch so stark verbarrikadirt, noch so hartnäckig verteidigt werden. Es geht ein höherer Wille durch die Menschengeschichte, der dem veränderten Bedürfniß, dem fortgeschrittenen Bewußtsein seine Befriedigung schafft, und wenn noch so viele Mächte, welche die Vergangenheit beherrschten, sich dem entgegenstemmen. So ergeht es auch jetzt den privitegirten Ständen in Schweden, und es ist wohl zu beachten, daß aus der Mitte derselben selbst die Schöpfer und besten Vertheidiger der neuen Ordnuug hervorgingen — dieselbe Erscheinung, die unter ähnlichen Umständen überall sich gezeigt. Selbstverständlich ist es, daß da, wo die Umgestaltung nicht auf dem Wege der Revolution, sondern in der gesetzmäßigen Bahn und in der Rechtskontinuität geschaffen wird, jene keine vollständige sein kann, sondern noch viele Reste des alten Vor- und Unrechts bewahrt, was sicherlich mit dem Frieden und der gesetzlichen Ordnung nicht zu schwer erkauft ist. Die bisherige schwedische Verfassung hatte bekanntlich vier privilegirte Stände, den Adels-, Priester-, Bürger- und Bauernstand, von denen jeder eine gesonderte Versammlung bildete, und für jedes Gesetz gesondert seine Stimme abgab; alle vier Stände mußten zur Veränderung eines Grundgesetzes und t vet derselben für jedes gewöhnliche Gesetz übereinstimmen. Auf diese Weise konnte man mit nichts Wesentlichem vorwärts kommen. Wie viele Jahre und Kämpfe z. B. kostete es, bevor man dem Adels- und Priefterstande die Erlaubniß zu einem Eisenbahnbau abrang. Es versteht sich, daß die bürgerliche Gleichstellung der Juden bei einem solchen Parlamente unmöglich war, und man wird sich erinnern, daß, als der vorvorige König dieselben auf dem Wege königlicher Ordonnanz bewirken wollte, ein Pöbelaufstand in Stockholm angezettelt ward, der den König zwang, die Ordonnanz zurückzünehmen. Aber die Bildung der Zeit, die Macht der öffentlichen Meinung, die unwiderstehliche Forderung des Volkes, die sich den Absichten der Regierung anschloß, nöthigten endlich doch die vier Stände, ihre Zustimmung zu einer neuen Verfassung mit zwei Häusern aus gewählten Senatoren und Abgeordneten

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